Wieso Corona ein schlechter Treiber für die Digitalisierung der Messebranche ist

07. Juli 2020 08:34

Momentan erfährt die Messebranche einen Digitalisierungsschub. Der Treiber dafür ist offensichtlich: Corona. Matthias Baldinger glaubt aber, es ist der falsche Treiber. Eine Messe sollte nicht als Ganzes digitalisiert werden – sondern nur die Teile, die online besser funktionieren als live. 

von Matthias Baldinger

Um die aktuellen Einschränkungen auszugleichen, entsteht eine Vielzahl von virtuellen Messen und digitalen Erweiterungen. Dies macht in der aktuellen, sehr schwierigen Zeit sicher Sinn. Aber: Macht es auch längerfristig Sinn? Sind die Lösungen, die die aktuellen Herausforderungen adressieren (Veranstaltungsverbot, weniger Besucher aufgrund von Einschränkungen etc.), auch die Lösungen, die Messen bereichern, wenn sie wieder ohne Einschränkungen stattfinden können?

Persönlich bezweifle ich dies. Ich bin überzeugt, dass digitale Erweiterungen der richtige Weg sind – der Grund sollte einfach ein anderer sein. Der Grund sollte das veränderte Kaufverhalten sein, welches unabhängig von Corona im B2B- und B2C-Umfeld seit längerem zu beobachten ist. Und von Messen bisher nur sehr wenig bedient wird.

Messen müssen neues Kaufverhalten bedienen können

In einigen (wenigen) Bereichen wurde der Kaufprozess komplett digitalisiert. In den allermeisten Fällen ist der Prozess aber weder strikt offline noch online – sondern sowohl als auch. Ein Beispiel: Ich bin begeisterter Skifahrer. Meine Ski kaufe ich immer in einem Sportgeschäft und werde dies auch in Zukunft tun, da mir Beratung, die haptische Erfahrung der Ski und sorgenfreier Service wichtig sind. Aber: Mir käme es nicht im Traum in den Sinn, in ein Sportgeschäft zu gehen, ohne bereits zu wissen, welche zwei bis drei Ski-Modelle in Frage kommen. Das recherchiere ich davor detailliert online. Im Geschäft lasse ich mir meine Überlegungen bestätigen und kläre offene Fragen. Nach dem Kauf lasse ich mich weiter online und eher passiv über Neuerungen informieren, z.B. via Newsletter oder soziale Medien.

Genau dieses neue Kaufverhalten müssen Messen bedienen können und müssen ihre Veranstaltungen hierzu um digitale Elemente erweitern. Dabei geht es nicht darum, das was live gut funktioniert, virtuell abzubilden, sondern die spezifischen Vorteile von Online und Live zu kombinieren.

Asynchronität vs. Gleichzeitigkeit

Ein grosser Vorteil von Online ist, dass die Vermittlung von Information nicht gleichzeitig mit deren Konsum stattfinden muss. Ich bin beispielsweise froh, dass ich meine Ski-Recherche in einer freien Stunde an einem Sonntagnachmittag machen kann, während jedes Sportgeschäft geschlossen ist. Genau umgekehrt ist einer der grossen Vorteile von Live, dass alle gleichzeitig vor Ort sind. Für viele Besucher ist dies ein wichtiger Faktor, denn es macht es einfach, Geschäftspartner persönlich zu treffen.

Online macht diese Gleichzeitigkeit eigentlich keinen Sinn. Wieso sollten beispielsweise zwei Geschäftspartner einen Monat bis zu einer virtuellen Messe warten, um ihren Video-Call durchzuführen? Es müssen eben nicht alle gleichzeitig online sein. Ich habe daher meine Zweifel, ob wir nach Corona noch virtuelle Messen mit einem Veranstaltungsdatum sehen werden.

Übersicht vs. Detail

Messen behaupten häufig, dass sie einen guten Überblick bieten. Persönlich glaube ich allerdings, dass dies online besser funktioniert. Online kann ich schnell grosse Mengen von Information durchsuchen und mir einen Überblick verschaffen. Wenn es dann allerdings um die wichtigen Details und anspruchsvollen Fragen geht, stösst Online an seine Grenzen. Diese können viel besser in persönlichen Diskussionen auf Messen geklärt werden. 

Es wäre heutzutage eine Verschwendung, diese Diskussionen für das Vermitteln des Überblicks (z.B. über Produktinformationen, welche problemlos online verfügbar sind) zu nutzen. Diesen sollten die Besucher zum Zeitpunkt der Messe bereits haben. Ich glaube daher, dass die Digitalisierungsbestrebungen von Messen dahin führen sollten, online den Ort zu bieten, wo Besucher sich möglichst einfach einen Überblick verschaffen können. Damit sie dann für die Klärung der entscheidenden Details zur Veranstaltung kommen.

Haben virtuelle Shoppingcenter und virtuelle Messen etwas gemeinsam?

Da Online und Live unterschiedliche Vorteile haben, ist es fraglich, ob es funktioniert, Messen virtuell erfolgreich zu veranstalten. Ich könnte mir vorstellen, dass Benedict Evans mit seinem sehr interessanten Artikel zum Thema recht behält: In den 90er Jahren wurde viel in virtuelle Shoppingmalls investiert. Wie sich herausstellte, funktioniert die Art, wie Shoppingcenter Anbieter aggregieren, zwar offline, aber nicht online. Online haben sich andere Ideen durchgesetzt. Vielleicht gilt das gleiche für virtuelle Messen? 

 

Matthias Baldinger ist Gründer und Geschäftsführer von Conteo. Conteo entwickelt Lösungen für Messeveranstalter, welche den Content der Aussteller ins Zentrum stellen. 

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