Wer sagt uns eigentlich, was richtige Bildung ist?

09. Juli 2020 12:28

Bildung soll das Wissen und die Kompetenzen vermitteln, die in der Zukunft gebraucht werden. Da stehen auch die Unternehmen in der Verantwortung, sagt Raphael Tobler. Denn sie prägen die Berufswelt der Zukunft.

von Raphael Tobler

Grundsätzlich sind wir uns alle einig: Bildung ist wichtig und nur keine Bildung wird auf lange Sicht teuer für die Gesellschaft. Aber wer sagt uns eigentlich, was richtige Bildung ist? Wessen Aufgabe ist es, heute zu entscheiden, was morgen gelehrt und gelernt wird, damit wir es übermorgen einsetzen können? 

Seit Jahrzehnten wird Bildung konserviert, weiterentwickelt und weitergegeben. Man könnte davon ausgehen, dass hier fundierte Entscheide getroffen werden, was in zehn oder 20 Jahren relevant sein wird. Aber woher sollen diese Institutionen denn wissen, was die heutigen Schüler/innen in 20 Jahren für Kompetenzen brauchen? Liegt die Verantwortung wirklich bei den Schulen? Ist dem so, dann werden die Herausforderungen betreffend Lehrpläne, Konzepte und schlussendlich für die Lehrpersonen immer grösser – zumal die Veränderungen immer schneller stattfinden. 

Nachfrage und Angebot

Sind es möglicherweise die Kunden (also die „Sich-Bildenden“) Impulsgeber, weil sie eine Nachfrage erzeugen? Wenn genügend Nachfrage nach einem Lehrgang besteht, dann wird dieser von den Bildungsinstitutionen angeboten. Bei einem Studium oder einem Weiterbildungskurs ist dies noch einfach und logisch zu begründen. Anders in der Grundschule. Kein Kind kommt in die Klasse und bittet den Lehrer, dass die Sozialkompetenzen in diesem Jahr stärker im Fokus stehen sollen oder es Zeit wird, das kleine Einmaleins zu lernen.

Unternehmen als eigentlicher Treiber der Kunden

Gehen wir vom Kunden im Grundstudium oder der Weiterbildung aus. Ausser bei gewissen Menschen, die ausschliesslich ihrer Leidenschaft folgen, ist bei der Wahl der entsprechenden Bildung oftmals der zukünftige Job und auch das Salär eine Motivation: „Ich muss etwas studieren, mit dem ich später eine gute Stelle finde.“

Vereinfacht gesagt, folgen wir damit dem Ruf der Unternehmen, die in den Stellenprofilen gewisse Kompetenzen verlangen. Ein Unternehmen ist ebenfalls der heutigen Nachfrage auf dem Markt ausgesetzt und versucht, diese möglichst gut zu befriedigen. Dazu braucht das Unternehmen die passenden Mitarbeitenden. In der Grundschule wollen die Eltern das Beste für ihre Kinder. Aber woher wollen sie wissen, was bei der Bildung das Richtige ist? 

Ob heute oder in 20 Jahren: Es sind die Unternehmen, die enger mit den Bildungsinstitutionen zusammenarbeiten müssen. Sie müssen Impulse geben, welche Kompetenzen in zehn oder 20 Jahren verlangt werden. Denn im Gegensatz zu früher sind es heute auch vermehrt die Unternehmen, welche den Wandel in der Berufswelt herbeiführen. Und immer weniger die klassische Grundlagenforschung der Hochschulen. Diese verändert die Welt zwar ebenfalls, aber wesentlich langsamer.

Aufgrund der langsameren Geschwindigkeit ist es auch einfacher zu reagieren. Oft höre ich heute von Jungen, was ich mir früher auch selbst dachte: „Wozu brauch ich das in meinem Leben?“ Dieser Satz ist im Grundsatz absolut richtig. Als junger Mensch sollte ich mich durchaus fragen, wieso ich dies aktuell lerne, obwohl es zum heutigen Zeitpunkt keinen Sinn ergibt. Zehn Jahre später sollte die Antwort darauf allerdings sein: „Jetzt weiss ich, warum ich dies lernen musste.“ Aktuell ist die Antwort viel zu oft: „Das habe ich noch nie gebraucht!“

 

Raphael Tobler ist Gründer und Geschäftsführer des Bildungsportals eduwo.ch. Er ist auch Präsident des Entrepreneur Club Winterthur.

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