Wei Ji im Corona-Frühling: Eine Chance für die Schule

24. April 2020 08:37

Die gegenwärtige Krise bedeutet Abbruch von Altem und gleichzeitig Aufbruch in Neues. Zunächst bringt das Verunsicherung, aber langfristig könnte ein positiver Schub die Folge sein. Das erwartet der Vize-Direktor der Fachagentur educa, Ueli Anken, der auf Lernprozesse in der Bildung setzt.

von Ueli Anken

Frühling 1993, Romanel-sur-Morges. Logitech hat den zehnten Geburtstag knapp hinter, die gesamte PC-Branche von Apple bis Zenith um und Weltpremieren in sich. Die erste Digitalkamera, das erste Audio-Peripheriegerät, die erste 3-D-Maus, die Vision von „Senseware“: Es rauscht. Zeitsprung, ein Quartal später. Manche der Innovationen waren ihrer Zeit um Jahre voraus, fanden viel Echo und keinen Markt. Hinzu kommt ein Preiskrieg der Giganten. Logitech stürzt in die Krise, gibt Standorte auf, entlässt innert Monaten rund tausend Mitarbeitende. Mitgründer und CEO Daniel Borel pendelt zwischen Silicon Valley, China und Romanel-sur-Morges. Im Gepäck zwei Botschaften: „Wei Ji“, das chinesische Schriftbild für Krise, und für: „Das einzig Beständige ist der Wandel“.

Wei Ji: Die Erkenntnis, dass Abbruch und Aufbruch sich in einer Krise mit kolossaler Verunsicherung gegenseitig bedingen, hat damals die Kräfte im Unternehmen gebündelt. Wir in den Teams haben gelernt, wie hilfreich es ist, voneinander zu lernen. Und im Umgang mit der Öffentlichkeit reifte die Erfahrung, dass Vertrauen der Stakeholder direkt mit Transparenz und authentisch gelebtem Engagement korreliert.

Ein Vierteljahrhundert später. Peripheriegeräte für alle Sinne halten Logitech nach mehreren Wei-Ji-Phasen auf sattem Wachstumskurs. Auf der Homepage die erwartete Zeile: „Unsere Lieferzeiten werden sich voraussichtlich verlängern. Dafür bitten wir um Entschuldigung.“

Hinter der Zeile steckt die Corona-Krise. Wei-Ji in voller Wucht für Familien, Firmen, ganze Nationen. Und für Schulen. Seit dem 16. März prägt Fernunterricht den Alltag sämtlicher Menschen im organisierten Lern- und Lehrmodus. Die Krise schont niemanden von Kindergärten über Hochschulrektorate bis zu den Bildungsdirektionen. Vertrautes bricht weg, Neues an, Gewissheit weicht Zweifeln. Digitalisierungs-Enthusiasten merken, dass die coolste Lern-App nicht soziale Nähe, Empathie und haptische Erlebnisse draussen in der Natur ersetzt. Techno-Skeptiker entdecken den Nutzen digitaler Methoden fürs intrinsisch motivierte Lernen. In diesen Lernprozessen, hüben wie drüben, steckt die Chance, dass der Corona-Frühling mehr bringt als kolossale Verunsicherung: Aufbruch zu Lern- und Lehrmethoden, die ihrer Zeit bisher voraus waren.


Weiterführende Links:

Blick zurück in die Krise (1): Preisschlacht einer ganzen Industrie

Blick zurück in die Krise (2): Jahrzehnte zu früh am Markt

Blick nach vorn aus der Krise: Zwei Schulleiter im Gespräch

 

Ueli Anken, Jahrgang 1961, ist eidg. dipl. PR-Berater und arbeitete als Kommunikationsberater und -leiter in der Privatwirtschaft, in öffentlichen Institutionen, bei einem Hilfswerk und immer wieder im Sportwesen. Hauptberuflich ist er seit 2012 im Schweizer Bildungssystem tätig, heute als stellvertretender Direktor der Fachagentur educa.ch.

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