Was bedeutet der Erdölpreis im Kampf gegen die Klimakrise?

26. Mai 2020 07:09

Die Corona-Pandemie hat den Verbrauch und Preis des Erdöls auf Talfahrt geschickt. So könnte es auch bei einem engagierten Kampf gegen die Klimakrise laufen, sagt Christian Zeyer. Der Geschäftsführer des Wirtschaftsverbands swisscleantech zeigt auf, was den Preiszerfall beschleunigt.

von Christian Zeyer

Ich erinnere mich sehr gut an eine Diskussion im Jahr 2012 mit Dr. Werner Zittel, dem Papst von „Peak Oil“. Er meinte damals, dass das Klimathema sich von selber erledigen würde. Das Erdöl würde in Kürze so knapp, dass der Preis ins Unermessliche anstiege, sagte er.

Mir erschien diese Aussage (schon damals) wenig glaubwürdig, denn sie berücksichtigt nicht, dass durch den Kampf gegen den Klimawandel weniger Erdöl verbraucht wird. Bei gegebenem Angebot hätte der Preis also eher sinken müssen. Werner Zittel erklärte daraufhin, dass er so desillusioniert sei bezüglich der Wirksamkeit der Klimapolitik, dass Peak Oil für ihn die einzige Hoffnung gegen den Klimawandel sei

Ölpreise stehen unter Druck
 

Der aktuelle Preiszerfall auf dem Ölmarkt ist kein Beweis, dass Zittels These bezüglich des langfristigen Preises von Erdöl falsch ist. Es ist wahrscheinlich, dass Erdöl knapp wird, wenn wir die Klimapolitik nicht ernst genug nehmen. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass eine Verteuerung uns helfen wird, den Kampf gegen den Klimawandel zu gewinnen. Dazu sind die vorhandenen Erdölreserven zu gross. Wir wissen heute, dass mindestens zwei Drittel der fossilen Ressourcen im Boden bleiben müssen, wenn wir die Klimakrise bewältigen wollen.

Der erstaunliche Preiszerfall, den wir momentan beobachten, regt dazu an, grundsätzlich über den Ölpreis nachzudenken. Um die aktuellen Entwicklungen besser zu verstehen, muss man sich überlegen, wie der Erdölpreis entsteht.

Primär wird der Preis für das Erdöl aus dem Gleichgewicht zwischen Angebotspreis und Nachfrage gebildet. Im Prinzip ist der Ölmarkt ein Käufermarkt. Die Produktionskapazitäten sind grundsätzlich gesehen höher als die Nachfrage. Erwartungsgemäss müssten die Preise fallen. Preissetzend wäre derjenige Anbieter, der mit dem aktuellen Preis gerade noch seine Kosten decken kann.

Tiefe Betriebskosten und versunkene Kosten


Wer diesen Prozess genauer verstehen will, muss die Kostenstruktur bei der Erdölförderung verstehen. Zumindest bei guten Erdölquellen ist die Förderung des Erdöls nicht preisbestimmend: Ist das Erdölfeld einmal angebohrt, sprudelt das Rohöl. Deshalb sind die Betriebskosten einer guten Erdölquelle relativ tief.

Die Bohrung selber sind für die Unternehmung sogenannte „sunk cost“: Einmal ausgegeben, besteht nur die Hoffnung, dieses Geld durch hohe Preise wieder einnehmen zu können. Die Förderfirma versucht daher so zu verkaufen, dass die Investitionen für die Bohrung über die Lebensdauer der Erdölquelle wieder eingenommen werden.

Sinkt der Preis unter die vollen Kosten, die aus den Kosten für die Bohrung und den Kosten für die Förderung bestehen, steht das Unternehmen vor einer schwierigen Entscheidung: Stellt es die Förderung ein, entstehen möglicherweise hohe Kosten für das Wiederanfahren. Es besteht sogar die Gefahr, dass eine einmal ausgeschaltete Förderanlage nicht wieder eingeschaltet wird, weil die Renditeerwartungen zu gering sind. Dieses Phänomen kann erklären, warum in letzter Zeit Förderfirmen sogar bereit waren, einem Rohöl-Abnehmer Geld zu bezahlen. Sind nämlich die Lager einmal gefüllt, werden viele Anbieter gezwungen, die Ölförderung einzustellen – für immer.

Reduzierte Nachfrage in der Corona-Krise


Bei der gegebenen Situation müsste man eigentlich davon ausgehen, dass der Ölmarkt sich ständig in einem ruinösen Preiskampf befindet. Dass dem nicht so ist, hat wohl vor allem damit zu tun, dass die Fördermengen über die Organisation erdölexportierender Länder OPEC reguliert werden. In der Vergangenheit kam der Erdölpreis immer dann ins Rutschen, wenn sich die erdölfördernden Länder nicht einig waren. Wurde eine Förderquote beschlossen, fand der Ölpreis einen Boden.

Die Situation scheint im Moment eine andere zu sein: Die reduzierte Nachfrage ist wohl aufgrund der Corona-Krise so gross, dass ihr selbst mit einer reduzierten Förderquote nicht beizukommen ist.

Bleibt diese Situation lange genug bestehen, wird dies zu einer Bereinigung auf dem Ölmarkt führen: Viele Produzenten werden aus dem Markt ausscheiden und ihre Produktion einstellen. Ironischerweise könnte dies nach der Corona-Krise, wenn die Wirtschaft wieder anspringt, zu höheren Erdölpreisen führen.

Langfristig braucht es den Ausstieg aus den fossilen Energien


Für die langfristige Entwicklung ist dies aber nicht der Gradmesser. Meine Hypothese ist: Der Preiszerfall, den wir im Moment auf dem Ölmarkt sehen, zeigt im Zeitraffer, was passiert, wenn die Welt sich auf einen engagierten Kampf gegen die Klimakrise einigt.

Dies bedeutet aber auch, dass der Ausstieg aus den fossilen Energieträgern nur möglich ist, wenn wir den Abfall aus der Verwendung dieser Energieträger – das CO2 und dessen „Deponie“ in der Atmosphäre – bepreisen.

Scheich Yamani, ehemaliger saudischer Erdölminister, soll schon in den 80er-Jahren gesagt haben: „Die Steinzeit endete nicht, weil es keine Steine mehr gab – das gleiche gilt für das Erdölzeitalter.“ Vermutlich wird er Recht behalten.


PS: Prognosen über die Entwicklung des Erdölpreises sind notorisch ungenau. Wie bei allen Drogen spielt die Psychologie der Süchtigen eine wichtige Rolle. Meine Bitte an Sie: Nehmen Sie diesen Blog nicht als Grundlage, um mit Öl zu spekulieren. ;-)


Christian Zeyer, promovierter Chemieingenieur, engagiert sich seit 30 Jahren für Energie und Klimafragen. Als Geschäftsführer des Wirtschaftsverbandes swisscleantech ist er nahe am politischen Geschehen in Bern. Swisscleantech will die Wirtschaft klimatauglich und die Klimapolitik wirtschaftstauglich machen. 

Dieser Text ist zuerst auf LinkedIn erschienen.

Mehr zu Nachhaltigkeit

Aktuelles im Firmenwiki