Vom Wachstum zum Rhythmus

20. April 2022 16:15

Die Zeiten des linearen Wachstums sind vorbei. Die Gesellschaft muss wieder lernen, in Kreisläufen zu leben – wie die Natur es vorlebt. Doch im Kreislauf braucht es auch den Schrumpf-Prozess, schreibt Christian Häuselmann. Schrumpfen bildet derzeit die grösste Wachstumschance.

von Christian Häuselmann

Was verstehst Du unter Nachhaltigkeit? Diese Frage beantwortete ich in einem Interview im Oktober 2020 wie folgt: “Wegen meiner grünen Skijacke wurde ich letzten Winter gefragt, ob ich jetzt auch auf die grüne Welle aufgesprungen sei. Das stört mich nicht. Es zeigt, dass Nachhaltigkeit in der Breite angekommen ist. Bereits als Jugendlicher interessierten mich diese Fragen, darum habe ich 1993 mit zwei Kollegen das FLYER Elektrobike lanciert. Heute ist das Thema Nachhaltigkeit jedoch bewusst zu erweitern – hin zur Diskussion einer langfristig orientierten Entwicklung unserer Wirtschaft und Gesellschaft. 

Zentral ist dabei die Wachstumsfrage. Es ist so banal wie schwierig zu begreifen: dauerndes Wachstum gibt es nicht. Punkt. Wir werden als Menschen ja auch nicht 500 Meter lang. In der Natur ist alles zyklisch organisiert, in Kreisläufen, mit systemischen Rückkoppelungseffekten, mit Ebbe und Flut, Vollmond und Neumond, mit Wachstums- und Ruhephasen. Das ist das Erfolgsrezept. 

Der tiefsitzende Fehler ist, dass Erfolg heute fast ausschliesslich mit finanziellem Wachstum verwechselt, entsprechend gemessen und auch gesellschaftlich honoriert wird. Von diesem Denken werden wir uns in den nächsten Jahrzehnten verabschieden. So paradox es tönt: ich bin überzeugt, dass regionale, langfristige und sinnorientierte Schrumpf-Strategien die grössten Wachstumschancen bieten.”

Das war die Antwort, vor anderthalb Jahren. Seither haben wir erlebt, wie sich die Welt nochmals markant verändert hat. Mit fast täglich neuen Überraschungen, mit zunehmend extremen Ereignissen, in zunehmend rascher Abfolge. Warum? Wir sind heute in den stark steigenden Bereichen der exponentiellen Kurven angekommen, von denen wir seit ziemlich genau 50 Jahren wissen: 1972 hat der Club of Rome seine erste Studie zu den Grenzen des Wachstums veröffentlicht. Walter Stahel aus Genf publizierte 1976 das wohl weltweit erste wissenschaftliche Paper zur Kreislaufwirtschaft, und 1982 war er Mitgründer des Instituts für Produktdauer-Forschung, “The Product Life Institute”.

Dummerweise und offensichtlich biologisch bedingt sind wir Menschen auf lineares Denken ausgerichtet. Systematisch unterschätzen wir exponentielle Entwicklungen. Wir begreifen Exponentialität nicht, blenden sie unbewusst und bewusst aus. Es ist menschlich, es ist verständlich und erklärbar. Aus einer kurzfristigen Perspektive heraus scheint es unser Leben einfacher zu machen. Direkte Folge ist, dass wir laufend einseitig informierte Entscheide treffen.

Die gute Nachricht ist, dass wir erstens ein ganzes Leben lang lernen können, und dass uns zweitens die Natur einmal mehr zeigt, was die Lösung ist. Eine Tomatenpflanze kann ja auch nicht über Monate immer mehr Tomaten produzieren. Der Wald braucht den regelmässigen Flächenbrand – in unseren Augen eine Katastrophe – damit sich das Waldsystem erneuern und langfristig gesund und belastbar entwickeln kann. Wenn zu viele Hasen die Wiesen und Felder abgrasen, wächst die Fuchs-Population. Wenn zu viele Füchse dann entsprechend zu wenig Hasen fressen können, vermindert sich die Meute wieder. Das ist stark vereinfacht, klar. Aber dieser ewige Rhythmus ist das Grundprinzip der Natur, das sich seit ein paar Millarden Jahren ganz gut bewährt.

Deshalb bin ich heute mehr denn je überzeugt, dass regionale, langfristige und sinnorientierte Schrumpf-Strategien die grössten Wachstumschancen bieten. 

Wir sollten auch den Wert negativer Rückkopplungen wieder entdecken und schätzen lernen, und diese Balance-Mechanismen gezielt in unsere Strategien und Arbeiten einbauen. Also genau das Gegenteil, was etwa die Notenbanken weltweit vorleben: Als Antwort auf die letzte Finanzkrise von 2008 drucken sie seit fast zehn Jahren jeden Monat Geld in schwindelerregenden Millarden-Höhen und beglücken kurzfristig orientierte Hoch-Risiko-Investoren und Geschäfts-Akrobaten mit Negativzinsen. Ein solches Finanz-Experiment haben wir in unserer jahrtausendealten Menschheitsgeschichte noch nie gewagt. Die tatsächlichen Auswirkungen werden wir erst in 10-20 Jahren richtig bewerten und einordnen können. 

Nebst allen Herausforderungen ist es deshalb ein Privileg unserer Zeit, dass wir diese Transformation vom Wachstum zum Rhythmus aktiv mitgestalten dürfen. Wo Erholung und Rückbau wieder zur überlebenswichtigen Chance werden, zum zentralen Kern von langfristig orientierten, zukunftsfähigen Lösungen.

Rhythmus als melodischer Fluss, als neuer Taktgeber und Wegweiser zur Gestaltung einer langfristig nachhaltigen Lebenswelt.

Da trommelt was im Gebüsch, hörst Du es auch?

 

Christian Häuselmann ist ein passionierter Ökonom, Innovator und Serial Entrepreneur. Vision ist das langfristig nachhaltige Handeln von Menschen und Firmen. Er ist u.a. Mitgründer des FLYER Elektrobike (1993), swisscleantech (2007) und SHIFT Switzerland (2010). 2018 hat er die Zukunftsinitiative Schweiz2291 – 1000 Jahre Schweiz lanciert. #trylongterm.

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