Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten – „too important to fail“

08. Mai 2020 07:15

Die Bereitstellung gewisser Medikamente sollte laut Manuel Flury Teil der Versorgungssicherheit werden – als Lehre aus der Corona-Krise. Der ehemalige Mitarbeiter der DEZA-Direktion will somit den Staat stärker in die Verantwortung nehmen.

von Manuel Flury

Wir sind uns bewusst, ein grosser Teil der Grundstoffe, welche die Pharmaindustrie benötigt, werden nicht (mehr) in der Schweiz, sondern in China hergestellt. Dies betrifft beispielsweise die Antibiotikaproduktion. Auch Indien, der weltweit grösste Produzent von Generikamedikamenten und wichtiger Lieferant für die Schweiz, ist auf derartige Grundstoffe angewiesen. Die Pharmaindustrie der Schweiz ist offenbar aus wirtschaftlichen Gründen nicht in der Lage oder nicht interessiert, weiterhin in die Antibiotikaforschung zu investieren. Die Versorgungssicherheit der Schweiz mit Medikamenten ist im Zuge der Corona-Krise Thema im Parlament geworden. Hat der Staat geschlafen?

Gesicherte öffentliche Dienstleistungen sind für den Wohlstand der Schweiz „matchentscheidend“. Der öffentliche Verkehr wird bis in die hintersten Bergtäler mit öffentlichen Mitteln garantiert. Um die Grundversorgung mit Internet zu gewährleisten, verlangt der Bund von den Providern, die vom Bund eine Konzession erhalten wollen, eine minimale Datenübertragungsrate. Neun Pflichtschuljahre werden von der öffentlichen Hand finanziert, Privatschulen haben sich an die öffentlichen Lehrpläne zu halten.

Warum leistet es sich unser Land, die Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten „aus der Hand“ zu geben? Müsste der Bund nicht Konzessionen für die Herstellung „systemrelevanter“ Produkte wie Antibiotika oder Schmerzmittel vergeben? Warum ist es den Pharmaunternehmungen erlaubt, Medikamente zur Therapie von Krebserkrankungen beispielsweise ausschliesslich gewinnorientiert auf den Markt – und in die Kassen – zu bringen? Warum ist die öffentliche Hand nicht in der Lage, ordnend und gestaltend in diese Märkte einzugreifen, wenn die Unternehmungen offenbar nicht in der Lage sind, die öffentliche Gesundheit mehr zu gewichten, als Dividenden auszuschütten?

Mit „too big to fail“ rettet der Bund grosse Firmen und Banken. „Too important to fail“ müsste man auch bei der Herstellung von lebenssichernden Medikamenten sagen. Konzessionierte kleine und mittlere Pharmaunternehmen sichern die Versorgung von lebenswichtigen Medikamenten respektive Grundstoffen als Eckpfeiler einer schweizerischen Kreislaufwirtschaft – so die Vision.

Es ist Zeit, vielleicht angeregt von der aktuellen Corona-Krise, die Frage zu klären, was die Märkte und die Privatwirtschaft zur Versorgungssicherheit der Bevölkerung in der Lage sind zu tun oder eben nicht. Die Zusammenarbeit zwischen Privatwirtschaft und dem Staat zur Versorgung von Basisversorgung in verschiedensten Bereichen muss neu geregelt werden. Der Staat – und das sind wir alle – ist gefordert.


Manuel Flury ist ausgebildeter Geograph, pensionierter Mitarbeiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA und Grossvater. Er bleibt an allen Zukunftsfragen interessiert, ist Berater in Fragen der Internationalen Zusammenarbeit und einer sozial und ökologisch verantwortlicheren Schweiz

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