Unternehmen werden daran gemessen, ob sie Verantwortung übernehmen

22. Juni 2020 07:26

Mehr als ein Geschäftsmodell: Konzepte, mit deren Hilfe Unternehmen Verantwortung übernehmen. Doch dafür müssten diese über das Kerngeschäft der Profitorientierung hinaus gehen, sagt Kommunikationsspezialistin und -beraterin Sylvie Merlo.

von Sylvie Merlo

Nicht nur Individuen, sondern auch Kooperationen und Kollektive können als verantwortungsfähige Akteure zur Rechenschaft gezogen werden. Denn in der Regel basieren deren Handlungen auf geteilten Zielen und koordinierten Abläufen. Ausserdem geht einer Gruppenverantwortung immer eine individuelle Verantwortung der einzelnen Gruppenmitglieder voraus. Sobald aber die individuelle Verantwortung auf die Gruppe übergeht, wird die Gruppe als Ganzes verantwortlich und nicht mehr das Individuum. Aus diesen Gründen können Unternehmen als Akteure in Wirtschaft und Gesellschaft sehr wohl im Sinne eines Individuums, beziehungsweise einer Kooperation, für ihr Handeln verantwortlich gemacht werden (vgl. Neuhäuser).

Unter Unternehmensverantwortung oder Corporate Social Responsibility verstehe ich die Verantwortung, die ein Unternehmen gegenüber allen relevanten Stakeholdern, das heisst innerhalb und ausserhalb des Unternehmens, wahrnimmt. Und dies in sozialer, ökonomischer, ökologischer und politischer Hinsicht. Dabei geht es in erster Linie um freiwillige sowie sozial und ökologisch sinnvolle Unternehmensaktivitäten, die über das Kerngeschäft der ökonomischen Profitorientierung hinausgehen und einen Mehrwert für die Gesellschaft bilden.

Unklarheit besteht jedoch hinsichtlich der normativen Massstäblichkeit von CSR-Projekten. Wann ist ein CSR-Projekt ein reiner Business Case oder welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit ein solches Projekt auch sozialer und ökologischer Unternehmensverantwortung zugerechnet werden kann, ohne Gefahr zu laufen als sogenanntes Green- oder White-Washing  enttarnt zu werden?

Wie glaubwürdig und konsequent ist das CSR-Engagement? Ist es strategisch verankert und Teil der Firmenkultur? Leistet das Unternehmen damit einen echten Beitrag für die Gesellschaft und Umwelt? Kann es damit gegenüber ihren Stakeholdern Vertrauenskapital bilden und Erfolg haben?

Mit diesen Fragen versuche ich jeweils in Erfahrung zu bringen, ob die CSR-Strategie einer Firma glaubwürdig ist und im Sinne der Modelle „Creating Shared Value“ und „From Profit to Purpose“ verantwortungsvoll handelt. Zeichnet sich eine Organisation zudem durch eine vorbildliche moralische Haltung im Sinne der Tugendethik oder „Corporate Virtue“ aus (vgl. Porter und Kramer), dann steigt mein Vertrauen. Ausserdem ist es wahrscheinlicher, dass ich dieses Unternehmen weiterempfehle oder von ihm etwas beziehe.

Es lohnt sich also für Unternehmen, Verantwortung gegenüber ihren Stakeholdern zu übernehmen und mittels Kompetenz und Ethik die immateriellen Vermögenswerte zu steigern.


Sylvie Merlo berät und begleitet als Kommunikationsspezialistin und Sparringspartnerin Unternehmen und Organisationen, die sich mit innovativen Lösungen für eine enkeltaugliche Welt engagieren. Als Mitbegründerin von Swiss Business + Disability Network engagiert sie sich für eine gerechtere Arbeitswelt mit mehr Diversität und Teilhabe – auch für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen.

 

Quellen:

Neuhäuser, Christian. 2016. Unternehmensverantwortung. Handbuch Verantwortung. Springer Reference.

Porter, M.E., und M.R. Kramer. 2011. Creating Shared Value. Harvard Business Review 89(1/2): 62-77. Zit. n. Shanahan, Ford und Peter Seele. 2017. Creating Shared Value. Looking at Shared Value Through an Aristotelian Lens. Creating Shared Value – Concepts, Experience, Criticism: S. 141.

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