Dieses Motto sieht Manuel Flury als schweizerisch angemessen und richtig an. Foto: zvg

Stadt oder Land – wer lebt das schweizerisch richtige Leben?

07. Oktober 2021 13:29

Wer den Stadt-Land-Graben bewirtschafte, unterschlage die Mechanismen einer äusserst bewährten föderalen, demokratischen Praxis, kommentiert Manuel Flury. Einzig gemeinschaftlich zu denken und zu handeln, komme einem Schweizer Ideal nahe.

von Von Manuel Flury

Vor einiger Zeit hat der Präsident der wählerinnen- und wählerstärksten Partei der Schweiz mit einer Polemik zu den „linksgrün-wählenden Schmarotzern“ in den Städten hat nicht nur die Medienöffentlichkeit mobilisiert. Auf der SVP Webseite findet sich die Polemik in schriftlicher Form. Wer hat sich seither nicht schon in privaten Kreisen über den sogenannten Stadt-Land Graben echauffiert? Meinungen wie „Ja, genau, endlich spricht dies jemand aus!“ oder „Was soll dieser Versuch, die Menschen in der Schweiz gegeneinander aufzuhetzen?“ werden an den virtuellen und hölzernen Stammtischen geäussert. Und in der meistgelesenen (Gratis-)Tageszeitung der Schweiz brüstete sich jüngst ein junger St.Galler Autofan: „Ein Subaru passt nicht zu einem Stadtzürcher!“ Ist er froh darüber?

Die Polemik über den Stadt-Land-Graben bewirtschaftet die fast mythischen Vorstellungen darüber, was ländliches von städtischem Leben unterscheidet und damit Gräben für Kämpfe in der politischen Auseinandersetzung öffnet: „Warum sollen die Stadtbernerinnen und -berner mit einer Tramlinie noch bequemer nach Bümpliz fahren können, wo wir doch in unserem Tal nur alle Stunden und nur tagsüber mit einem Bus nach Interlaken fahren können?“ „Warum sollen wir Städterinnen und Städter den Bauernbetrieben mit Millionen Steuergeldern unter die Arme greifen, wenn sie doch mit ihren Pestiziden unser Trinkwasser vergiften?“

Aber: „Sind denn die so?“ fragt sich wohl manch eine auf dem Land, „meine Schwester lebt doch auch in der Stadt“? Und manch ein anderer denkt: „Eben haben wir doch unsere besten Freunde auf dem Land besucht!“

Sicher, in vielen Abstimmungen stimmen die Städte anders als die Landgemeinden und die Kantone, die sich als ländliche verstehen und in Vorlagen mit dem Ständemehr etwa mal die Oberhand behalten, trotz eines Volksmehrs. Klar, der Alltag auf dem Land unterscheidet sich vom Alltag in der Stadt. Die Bäuerin im Eriz ist auf gute Strassen und einen Privatwagen angewiesen, will sie sich mit dem Lebensnotwendigen in Thun oder in Bern versorgen. Und wir benötigen, ohne auf einen Privatwagen angewiesen zu sein, einen sicheren öffentlichen Verkehr, um dasselbe in stadtnaher Umgebung zu tun. Wir sind froh, dass die Bäuerin eine Theateraufführung in Bern besuchen kann, ohne dass sie dabei den kostendeckenden Preis bezahlen muss. Neben den kantonalen Beiträgen macht dies auch die Stadt möglich. Ebenso froh ist die Bäuerin wohl, wenn wir auf unserer Wanderung im Gasthof ihrer Schwägerin eine Meringue oder ein Bier konsumieren. Wir schätzen es, wenn der Wanderweg quer über ihre Weiden gegen die Kühe eingezäunt ist und wir die schönen Buchen- und Nussbaumhaine geniessen dürfen. Neben den Subventionen und dem Finanzausgleich von Bund und Kantonen ermöglicht uns dies die Bäuerin.

Warum unterschlägt der Parteipräsident bewusst diese Mechanismen einer äusserst bewährten föderalen, demokratischen Praxis und die gegenseitige Achtung und den Goodwill? Ausgerechnet am Nationalfeiertag traten er und seine Partei die Polemik los. Für sie sei klar, wer in diesem Land auf Kosten anderer lebe und wo diese lebten, mit der irren und vielfach widerlegten Behauptung, das Land finanziere die Städte. Auf die Frage, warum denn „auf dem Land“ Kindertagesstätten rar sind und der fehlende, gut ausgebaute öffentliche Verkehr schuld daran ist, dass die Pendlerinnen und Pendler auf ein Privatfahrzeug angewiesen sind, bleibt die Partei die Antwort schuldig – sie, die in so vielen Gegenden die Politik bestimmt.

Es ist eine Binsenwahrheit: Wo kein „Land“ ist, gibt es keine „Stadt“ und wo es keine „Stadt“ gibt, ist auch kein „Land“. Und dort, wo Siedlungen einen „städtischen“ Charakter annehmen, dort wo die „Stadt“ auf das „Land“ hinauswächst, entstehen die Vorstädte, die Agglomerationen. Interessanterweise sind es gerade die Gemeinden auf dem „Land“, welche die Siedlungsentwicklung „in Richtung Stadt“ mit überdimensionierten Bauzonen fördern. Macht die Landluft nun frei oder sucht das „Land“ den Anschluss an die „Stadt“? So oder so, die Schweiz wird zu einem Agglo-Land, einem Land der (Vor-)Städte! Ist es diese Perspektive, vor der sich der Präsident mit seiner Partei fürchtet?

Als Präsident einer Volkspartei wähnt er im Namen des Volkes zu sprechen und lässt keine Zweifel darüber aufkommen, wer in der Schweiz zum Volk, zu seinem Volk gehört: die Menschen, die „auf dem Land“ wohnen, wobei er gleich die Menschen der Vororte, der Agglomerationen mit einschliesst. Es wird klar: Ihm geht es in keiner Art und Weise um eine sachliche Auseinandersetzung, wie sich denn „Land“ und „Stadt“ beziehungsweise wie sich eine „ländliche“ und ein „städtische“ Lebensweise in der Schweiz unterscheiden und was dies für eine Politik bedeuten würde, die auf die jeweiligen Lebensweisen zu antworten weiss. Ihm und seiner Partei geht es nicht um das Gemeinsame und den dabei nötigen Ausgleich, beispielsweise zwischen der autofahrenden Bäuerin aus dem Eriz und uns, die wir mit dem öV mobil sind. Wir fragen uns: Kann nur eine Bewohnerin oder ein Bewohner auf dem Land die richtige schweizerische Identität leben? Kann eine städtische Identität keine schweizerische sein? Was und wem nützt es, einen Keil zwischen schweizerisch richtigem Leben auf dem Land und unschweizerischem, nicht richtigem Leben in den Städten zu treiben?

Auf Velofahrten „über das Land“ begegnen wir in letzter Zeit häufig einem kleinen Plakat bäuerlicher Kreise. Unter dem Titel „Stadt und Land, Hand in Hand“ fordert uns das Plakat auf, Rücksicht zu nehmen auf die Tiere und die Kulturen, keinen Abfall zurückzulassen, uns von den Obstbäumen nicht selbst zu bedienen und die Feldwege frei zu halten. Von den Menschen, die auf dem Land wohnen, wünschen wir uns eben solche Rücksicht: bei Grossveranstaltungen und Partys, bei Autofahrten in Quartierstrassen – die teuer erstellten Park and Ride Anlagen bleiben oft leer – oder bei den vielen Demos – speziell in Coronazeiten – während denen wir in den blockierten Bussen stecken bleiben.

Wir wünschen uns eine Politik, die „Alten, Ausgesteuerten und Asylsuchenden“ (AAA) – typische Stadtbewohnerinnen und -bewohnern – auch auf dem Land ein gutes Leben ermöglicht.

„Stadt und Land, Hand in Hand“ – Keine Zauberformel, schlicht schweizerisch angemessen und richtig!


Manuel Flury, ist ausgebildeter Geograph, pensionierter Mitarbeiter der DEZA und Grossvater. Er bleibt an allen Zukunftsfragen interessiert und ist Berater in Fragen der Internationalen Zusammenarbeit und einer sozial und ökologisch verantwortlicheren Schweiz.

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