Slow Fashion, aber schnell!

07. Mai 2020 08:23

Die Modeindustrie braucht laut der Ökonomin Sandra Elmer mehr Nachhaltigkeit. Die Masse sei immer noch Instantmode, hergestellt unter katastrophalen Bedingungen. Sie fordert Infrastrukturen, die einen Trend hin zu regionaler Kleiderproduktion ermöglichen.

von Sandra Elmer

Manchmal begleite ich meine 14-jährige Tochter und wir gehen gemeinsamen auf einen Streifzug durch die Billigketten der Modeindustrie. Sie sind nicht nur bei Teenagern beliebt, weil sich hier trendige Kleider zu unglaublich tiefen Preisen erstehen lassen. Frauen wie ich – bereits über der Lebensmitte – und nicht wenige Männer zieht es ebenfalls ruhelos von Kleiderstange zu Kleiderstange. Es liegt eine Art Erregung in der Luft. Für weniger als zweihundert Franken kann man sich völlig neu eindecken, sich einen neuen Anstrich verleihen. Die Kollektionen wechseln laufend, der Ladenbesuch lohnt sich immer wieder, auch nach kurzer Zeit. Jedes Mal aufs Neue erlebt man den kurzen Augenblick der Befriedung, wenn man an der Kasse steht. Ein Gefühl, das meist nicht lange anhält, auf Wiederholung drängt. Kein Wunder lehnt sich der Begriff Fast Fashion an jenen von Fast Food an.

Dabei wissen wir es längst. Das Geschäftsmodell der Modeindustrie lebt von der Verschwendung und Ausbeutung. Es ist darauf ausgerichtet, das Bedürfnis nach immer neuen Kleidern anzuheizen. Etwa die Hälfte der gekauften Kleider wird nicht oder kaum getragen. Unsere Instantmode wird unter katastrophalen Bedingungen zumeist in Schwellenländern hergestellt.

In der Ernährung gibt es seit längerem einen Trend in Richtung gesund, nachhaltig, regional. Die Bewegung hat sich von der „Öko-Nische“ emanzipiert und gehört zu einem modernen, urbanen Lebensstil. Bei der Mode ist dieser Schritt noch nicht vollzogen. Dabei wäre es an der Zeit. Es gibt kaum trendige Kleidung oder Marken, die im Büro getragen werden können, jedoch regional oder unter fairen Bedingungen produziert wurden.

Angesichts der Ernährungstrends muss es eine grössere Kundschaft geben, die einen Gegentrend setzt, bewusster Mode einkaufen möchte, auch zu höheren Preisen. Weg von der Instantbefriedung beim Kauf, hin zu einem anhaltend guten Gefühl, ein langlebiges, die Persönlichkeit unterstreichendes Kleidungsstück gewählt zu haben. Was wir jetzt brauchen, ist eine Rückbesinnung auf eine regionale Kleiderproduktion, die verschiedene modische Richtungen abdeckt und grösstmögliche Transparenz bei den Herstellungsbedingungen zulässt. Es braucht Vorbilder, vom Instagram-Influencer bis zum Hollywood-Star und eine zentrale Plattform, auf der diese Marken beworben und verkauft werden können, dazu griffige Labels und Transparenzvorschriften, die den Konsumentinnen nachhaltige Kaufentscheide ermöglichen.


Sandra Elmer ist Geografin und Ökonomin, Kadermitarbeiterin bei einem Grosskonzern und Mutter zweier Teenager. Sie beschäftigt sich mit Fragen zu Gleichstellung und nachhaltiger Wertschöpfung. Der Erhalt einer offenen Gesellschaft ist ihr ein besonderes Anliegen.

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