Schuldzuweisungen verhindern Innovation

03. Mai 2021 09:55

Wer aktiv nach Problemlösungen sucht und dabei neue Wege geht, riskiert Fehler zu begehen. Und das dürfe nicht mit Schuld belegt werden, sagt Manuel Flury. Er schlägt dabei eine Brücke von der fehlerbehafteten Pandemie-Bewältigung zu einer Fehlerkultur, die auch in der Wirtschaft gefragt ist.

von Manuel Flury

Wer mag sich nicht an Szenen in der Kindheit erinnern, als wir uns bei den Eltern für ein Fehlverhalten entschuldigen mussten, oft noch mit einem „Schäme Dich“ als Nachsatz, um deutlich zu machen, dass wir etwas wirklich Verwerfliches getan hatten? Waren wir uns immer einer Schuld bewusst? Wem schuldeten wir etwas? Den Regeln, die uns die Eltern auferlegt hatten?

In der Diskussionssendung „Club“ von SRF am 30. März 2021 verlangte die Moderatorin von der anwesenden Direktorin des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), dass sie sich für die Fehler, die in der Bewältigung der Pandemie passiert sind, entschuldigen solle. Die Moderatorin liess es nicht bei einer Erklärung der Anstrengungen bewenden, sie forderte eine öffentliche Entschuldigung, während der laufenden Sendung.

Was hat sich das BAG zu Schulden kommen lassen? Gegen welche Regeln hat das Amt verstossen? Hat das Amt in seinen Aktivitäten das Wohl der Bevölkerung aus den Augen verloren und ist anderen Prioritäten als der Gewährleistung der öffentlichen Gesundheit gefolgt? Und wenn ja: Wer kann und darf ein Schuldeingeständnis einfordern? Allenfalls Volksvertreterinnen und Volksvertreter  oder eine SRF-Moderatorin?

Offenbar ging die Moderatorin, wie früher die Eltern bei uns Kindern, von einer Schuld, von einem verwerflichen respektive nicht-regelkonformen Handeln seitens des BAG aus, welches im Bestreben die Pandemie zu bewältigen, Fehler begangen hatte. Worin hatte sich das BAG schuldig gemacht? Gegen welche Regeln hatte es verstossen und wo hatte das Amt nicht mit bestem Wissen und Gewissen gehandelt, in einer Situation, in der niemand über umfassendes Wissen verfügte, wie genau die Menschen vor der Ansteckung mit dem Virus SARS CoV II und das Gesundheitssystem vor einer Überlastung zu schützen sind?

Wenn Menschen in derartiger Unsicherheit handeln müssen, das wissen wir, können, ja müssen Fehler gemacht werden. Es sind die Fehler, die den Weg zu wirkungsvolleren Massnahmen mit weniger „Kollateralschäden“ weisen. Der ebenfalls am Gespräch teilnehmende Gesundheitsdirektor des Kantons Bern bemerkte „cool“, dass jedes IT-Projekt – und darum ging es unter anderem in der Diskussion – riskiere, Fehler zu machen. Dies liege in der Natur der Sache.

Die Diskussion, dies wurde rasch klar, kreiste rund um Fehler, die das BAG in den vergangenen Monaten begangen hätte, von den altertümlichen Datenübertragungen zu Beginn der Pandemie über die verpasste Beteiligung einer Moderna-Produktionslinie bei Lonza im Wallis bis zur Unterstützung der problematischen Plattform MeineImpfungen.ch. Die Moderatorin vermutete offenbar hinter den Fehlern ein schuldhaftes und widerrechtliches, nicht regelkonformes Vorgehen. Sie unterliess es jedoch, ihre „Anschuldigungen“ zu begründen. Die Schuldfrage blieb „im Leeren hängen“.

Wenn das Begehen von Fehlern mit Schuld behaftet ist, dann wird das Machen von Fehlern zu einem Verbot, dann ist einzig der Erfolg gefragt und Fehler müssen bestraft werden, Köpfe müssen rollen, Strafuntersuchungen müssen eingeleitet werden. Das Lernen aus Fehlern, das bessere Tun, bleibt auf der Strecke. Keinen Unterschied zu machen zwischen Fehler und Verschulden, ist die Grundlage einer Fehler-Unkultur!

Dabei wissen wir: „Von Fehlern lernen“ lautet ein Grundsatz nicht nur in der Unternehmenslehre. Dies haben wir bereits in einem früheren Meinungsbeitrag festgehalten.

Auch die Politik und mit ihr die öffentliche Verwaltung sind gut beraten, Fehler als Gelegenheit für Anpassungen oder Neuorientierungen zu nutzen. Fehler passieren nur, wenn etwas getan wird. Wer nichts tut, macht auch keine Fehler, dies ist eine Binsenwahrheit. Wer aktiv nach Problemlösungen sucht und dabei neue Wege geht, riskiert Fehler zu begehen. Der Berner Gesundheitsdirektor hat dies klar gemacht. Wer will denn noch aktiv, innovativ sein, wenn Fehler nicht passieren dürfen?

Die Diskussion im SRF-Club ist eine politische. Sie will Geschehenes vertieft beurteilen und Perspektiven aufzeigen. Ebenso politisch ist eine Club-Diskussion, wenn sie die Mängel – hier des BAG – in den Fokus nimmt. Was bewegt SRF, sich auf der Mängelseite zu positionieren und – politisch – die Schuldfrage, also die Frage nach widerrechtlichem und moralisch verwerflichem zu stellen?

Uns fehlte in dieser Diskussion der Blick auf das Erreichte, auf die verbesserten Lösungen, auf das aus den Fehlern Gelernte! Auch dies ist eine politische Haltung.


Übrigens

Zum Ersten:

Die Post-it-Zettel – respektive der Klebestoff – sind ein nicht-beabsichtigtes Forschungsergebnis von 3M. Anstatt eines Superklebers wurde eine „klebrige Masse“ erfunden, „die sich zwar auf allen Flächen auftragen liess, jedoch auch genauso leicht wieder abzulösen war“. Auch die Metaplan (Moderations-)Kärtchen, die sich damit auf eine Pinnwand kleben und wieder ablösen liessen, wurden, damals, nicht zu einem Geschäftsmodell. Erst das Mitglied eines Kirchenchors brachte den Durchbruch für den Post-it-Zettel: Aus einer „fehlerhaften Forschung“ ist er als Lesezeichen auf Notenblätter entstanden.

Dies ist übrigens nichts Einmaliges. Auch die Entdeckung Amerikas 1492 durch Christoph Kolumbus, die Entdeckung des Penizillins oder auch des Klettverschlusses folgen einem oft gehörten Satz: „Der Zufall begünstigt nur einen vorbereiteten Geist“. Eine Entdeckung kommt – so steht es bei Wikipedia unter dem Stichwort „Serendipity“ („eine zufällige Entdeckung“) – wenn jemand ungezwungen gearbeitet hat.

Der zufälligen Entdeckung den nötigen Raum zu gewähren, dies ist ein wichtiges Prinzip von Wissen und Lernen.

Zum Zweiten:

Vor wenigen Tagen lese ich auf einem Bildschirm in einem Postauto, dass gemäss einer Stanford-Studie positive Gedanken zu mehr Leistungsfähigkeit führen und die Gesundheit fördern. In der auf dem Internet veröffentlichten Meldung Mitteilung von Nau.ch steht weiter: „Unser Gehirn wurde über die Jahre von uns darauf hintrainiert, immer zuerst den Mangel zu erkennen, statt der Fülle, die uns bereits umgibt.“

Kritisch zu sein, das bedeutet nicht, einzig das Mangelhafte zu betrachten. Kritisch zu sein, bedeutet, auch die andere Seite der Medaille anzuschauen, den Nutzen, den eine Tätigkeit stiftet, den Erfolg des Tuns. In der Betriebswirtschaft ist von Kosten- UND Nutzenrechnung die Rede!


Manuel Flury-Wahlen ist ausgebildeter Geograph, pensionierter Mitarbeiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und Grossvater. Er bleibt an allen Zukunftsfragen interessiert, ist Berater in Fragen der Internationalen Zusammenarbeit und einer sozial und ökologisch verantwortlicheren Schweiz. Dieser Meinungsbeitrag ist auch auf dem persönlichen Blog von Regula und Manuel Flury-Wahlen erschienen.
 

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