Scharfer Schnitt

14. April 2021 00:02

Eine an Schwachsinn grenzende Erste-Welt-Verschwendung prangert Riccarda Mecklenburg an. Die Präsidentin des Verbands Frauenunternehmen (VFU) und Crowdfunding-Beraterin ist Einweg-Materialien aus Spitälern auf der Spur.

von Riccarda Mecklenburg

Operation Senegal“ heisst das Projekt, das ich seit ein paar Wochen begleite. Die engagierte Frau, die ich bei ihrem Crowdfunding-Projekt berate, möchte am Stadtrand von Dakar in einem Armenspital einen OP-Saal für die Maternité einrichten. Jedes Jahr sterben dutzende von Müttern, weil es Geburtskomplikationen gibt. Die Crowdfunderin, eine Pflegefachfrau, kennt die Rahmenbedingungen vor Ort.

Ich mag engagierte Menschen. Es ist nicht nur für meine Kunden ein kleines Abenteuer, ein Crowdfunding zu machen, sondern auch ich lerne jedes Mal etwas Neues hinzu. Diesmal war es eine an Schwachsinn grenzende Erste-Welt-Verschwendung:

Als sich abzeichnete, dass wir die benötigte Summe nicht zusammen bekommen, haben wir Kontakt mit der Organisation Hiob aufgenommen. Bei Hiob landen die ausgemusterten Spitalausstattungen der Schweiz. Alle Geräte, Materialien, Ausrüstungen, die Spitäler nicht mehr benutzen, findet man dort. Zum Beispiel: Ein Regal voll mit Sterilisationsapparaten. Denn, so lautete die Begründung auf mein Nachfragen hin, das Sterilisieren lohne sich nicht, da die Personalkosten in der Schweiz dafür zu hoch seien. Deswegen werden inzwischen nur noch Einweg-Scheren, -Pinzetten, -Zangen, -Spachtel etc. benutzt. Und nach einmaligem Gebrauch entsorgt.

Ergo waren in den Lagerhallen der Organisation wäschekörbeweise ausgemusterte Scheren, Pinzetten, Zangen in allen Grössen und Formen zu finden.

Beeindruckt von dieser Menge, fragte ich bei meiner Hausärztin nach, wie sie es mit dem Sterilisieren und Wiederverwenden bei sich in der Praxis halte. Die Antwort war ernüchternd: Ja, sie sterilisieren noch alles. Aber die Arbeit des Sterilisierens wird nicht vergütet. Würde sie hingegen eine Einwegschere benutzen, könnte sie das als Aufwand bei der Krankenkasse als Taxpunkt abrechnen. Sie zeigte mir ein Muster von einer Wegwerfschere, die sie von einem Vertreter bekommen hatte. Ein hochwertiges Produkt, rostfreier Stahl, steril verpackt. Made in Pakistan, war auf dem Etikett zu lesen. Diese Schere hat einiges an Energie und Stahl gekostet, wurde steril verpackt in die Schweiz transportiert, um dann nach ein paar Schnitten im Müll zu landen. Einfach weil man es abrechnen kann. Weil unser System so ist. Falls Sie sich wundern, warum die Krankenkassenprämien steigen, schauen Sie mal bei Hiob vorbei.


Riccarda Mecklenburg ist seit dem 13. April 2021 Präsidentin des Verbands Frauenunternehmen VFU. Zudem ist sie Inhaberin von CrowdConsul, Founder von What the Hack und Stiftungsrätin des Zürcher Journalistenpreises. Riccarda Mecklenburg wohnt in Weiningen bei Zürich.


Dieser Text ist zuerst erscheinen in der Handelszeitung und in Riccarda Mecklenburgs Blog.

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