Perspektivenwechsel – das neue Erfolgsrezept

09. Dezember 2020 08:28

Neue Arbeitswelten oder auch New Work genannt legen rasant an Bedeutung zu, weil ja nichts mehr ist, wie es war. Weder als Kunde noch als Geschäftspartnerin, weder als Startupperin noch als etablierter Unternehmer. Wir müssen uns neu erfinden, und das ist die schöne Seite, die uns die Corona-Katastrophe beschert, schreibt Karin Landolt.

von Karin Landolt

Ich habe mich in diesem Jahr oft gefragt, warum es mir so wohl ist in meiner eigenen Arbeitswelt. Und ich habe die Antwort gefunden. Ich bin als Teilselbstständige und Teilzeitangestellte ständig dem Perspektivenwechsel ausgesetzt, sowohl in meiner Rolle als Führungskraft als auch als Auftragnehmerin: Ich lerne einerseits ständig dazu, und ich kann andererseits viel Wissen und Erfahrung weitergeben. Meine Aufgaben zwingen mich, laufend die Perspektive zu wechseln, und eine gewisse Sensibilität für unterschiedliche Arbeitsrealitäten zu entwickeln: Anweisungen befolgen – Aufträge erteilen, profitieren von der Entscheidungsfreude einer Chefin – Entscheidungsverantwortung und Verantwortung für Mitarbeitende übernehmen. Mal unterordnen und vielleicht zähneknirschend einen Entscheid von oben akzeptieren – mal selber ein notwendiges Machtwort sprechen und wissen, dass ich mich als Boss gerade unbeliebt mache. 

Ich lerne, dass ein Perspektivenwechsel heilsam ist. Er schützt davor, eine unreflektierte Haltung einzunehmen, wie etwa: „Die da oben nehmen uns gar nicht ernst“, oder: „Warum begreifen die da unten nicht, dass ich es besser weiss?“. 

Wir verändern den Blick zum „Oben oder Unten“ hin zum „Gegenüber“. Wir ziehen am gleichen Strick, nur gemeinsam können wir erfolgreich sein. Wir artikulieren uns als Mitarbeitende, werden gehört und im besten Fall sogar verstanden. Als Chefinnen und Chefs müssen wir nicht alles besser wissen, und können uns vom Druck der Verantwortung entlasten. 

Ein gutes Beispiel für dieses Miteinander ist das Unternehmen Freitag, das allen Mitarbeitenden einen Teil der Verantwortung überträgt. Es gibt keine klassische Führungsriege, jede und jeder versteht sich als wertvollen Teil eines grossen Ganzen – eines erfolgreichen Grossen und Ganzen notabene.

Eine ermutigende Erfahrung machte kürzlich meine 18-jährige Tochter, als sie als Kauffrau in Ausbildung ihre ALS-Arbeit präsentierte. Auch der Direktor des Unternehmens war dabei und hörte interessiert zu. Am Schluss bat er sie um ihre Expertise: „Helfen Sie uns, unser Unternehmen voranzubringen und machen Sie uns Vorschläge, wie wir ältere Mitarbeitende gut in die neue digitale Arbeitswelt mitnehmen können.“ Er lobte damit nicht nur ihre Arbeit und ihren Wert für das Unternehmen, sondern sprach sie sogleich als angehende Führungskraft an. Mehr Anerkennung und Motivation kann ein Chef, der sich als Teil eines Ganzen sieht, kaum ausdrücken.

Vorbei ist die Zeit, in der sich die einen als Alphatiere verstehen, und die anderen als Lemminge hinterhertrotten. Perspektivenwechsel ist die neue Arbeitswelt. Das verlangt viel ab, sowohl von den Alphatieren, als auch von den Lemmingen. Aber es ermöglicht eine Wirtschaft, welche die Kompetenzen des und der Einzelnen gewinnbringend einsetzt, davon können alle nur profitieren.

 

Karin Landolt ist Co-Geschäftsleiterin bei Actares, Aktionärinnen und Aktionäre für nachhaltiges Wirtschaften, und Inhaberin von Gesprächskultur. Sie ist Mutter zweier Kinder und lebt in Winterthur. 

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