Nach Corona: eine neue Normalität?

18. Mai 2020 07:01

Angesichts der schrittweisen Öffnung macht sich Manuel Flury, ehemaliger Mitarbeiter der DEZA-Direktion, Gedanken zur Zeit nach Corona. Er hofft auf Systementwicklungen, die die Existenz von lokalen Betrieben sichern und fördern, indem diese stärker vernetzt werden.

von Manuel Flury

Bereits im Vorfeld der ersten Lockerungen des Coronaregimes mehrten sich in der Öffentlichkeit die Überlegungen zu dem, wie das Leben nach der Pandemie aussehen wird. Viele sprechen von einer „neuen Normalität“; davon, dass sich das Leben nach den Krisenmonaten anders gestalten wird. Werden wir weiterhin mehr Zeit für Kinder, Familie und Nachbarn einsetzen, intensiver über die digitalen Medien kommunizieren, die nahen Wälder durchstreifen und bewusster konsumieren? Einige skizzieren eine weniger globalisierte Welt, eine Rückkehr zur lokalen Produktion mit weniger ökologisch fragwürdigem weltweitem Handel und ohne Flugreisen in ferne Länder. Andere wiederum sehen, im Gegenteil, einen gestärkten internationalen Austausch voraus, ein weiteres Zusammenwachsen der Länder und Gesellschaften, in der Überzeugung, dass nur dies die Lösung der gemeinsamen Probleme ermöglichen würde.

Etwas ist allen diesen Überlegungen gemeinsam: die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen darf nicht primär Gewinne für die börsengetriebene (Finanz-)Wirtschaft abwerfen, sondern muss für alle gesichert sein. Es geht nicht nur um lebenssichernde Medikamente und Hygienemasken. Was nützen globale Wertschöpfungsketten, wenn sie gleichzeitig regionale und lokale Kreisläufe zerstören? Amazon liefert uns fast jedes Buch in wenigen Tagen zu Tiefstpreisen von weit her frei Haus, oder via Kindle-App direkt aufs Handy. Derweil bleiben den lokalen Buchhandlungen kaum genügende Margen auf Büchern, die sie teuer zu beschaffen haben. Wir haben uns an Erdbeeren aus Marokko und Spargeln aus Peru oder Mexiko gewöhnt, die uns die Grossverteiler früh im Jahr servieren. Die Bauern und Bäuerinnen im Seeland haben das Nachsehen. Die lokalen Getreidemärkte in Westafrika werden von subventioniertem Reis und Weizen aus Ostasien, den USA und Europa gelähmt. In Dakar, der Hauptstadt von Senegal, werden alle Baguettes mit EU-Weizen gebacken. Die Tomaten auf dem Markt in Accra, der Hauptstadt von Ghana, stammen nicht mehr aus den umliegenden Gemüsegärten, sondern aus grossen südeuropäischen Betrieben, selbstverständlich ebenfalls subventioniert.

Wir wissen, dass eine globale Versorgung mit Grundnahrungsmitteln keine sichere ist. Es sind die über 500 Millionen Klein- und Familienbetriebe weltweit, welche fast drei Viertel der Ernährung sichern, lokal und regional produziert und vermarktet. Wir wissen aber auch, dass es, um diese Versorgung zu sichern, nationale oder gar globale Regeln und – subsidiär – Wertschöpfungsketten braucht, damit die Kleinbauern beispielsweise Zugang zu gutem Saatgut erhalten oder dass nachhaltig produzierte und qualitativ gute Nahrungsmittel im Handel bevorzugt werden können. Ebenso ist uns klar, dass weltumspannende Aufgaben wie die Verringerung des CO2-Ausstosses oder eben die Bewältigung einer Pandemie ein weltweit gemeinsames Vorgehen verlangen.

Subsidiarität ist das Zauberwort und Merkmal einer eingespielten politischen Organisation. Die Subsidiarität macht den Erfolg des Föderalismus in der Schweiz aus. Das was im Kleinen, in der Gemeinde nicht vorgekehrt werden kann, soll auf nächst höherer Ebene des Kantons, des Bundes oder allenfalls benachbarter Regionen der Nachbarstaaten geregelt werden. Subsidiarität bedeutet, dass sich beispielsweise Gemeinden zu Schul- oder Abfallbewirtschaftungsverbänden zusammenschliessen, dass Berufsbildungsinstitutionen interkantonal betrieben werden oder dass der öffentliche Verkehr überregional, über die Landesgrenzen hinaus, organisiert wird.

Es ist zu hoffen, dass in der „neuen Normalität“ die Politik den Staat so um-organisiert, dass die Versorgung aller Menschen mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen im Vordergrund stehen. Die Subsidiarität gibt das Organisationsprinzip vor. Die Schweiz verfügt über die nötige Erfahrung!


Manuel Flury ist ausgebildeter Geograph, pensionierter Mitarbeiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA und Grossvater. Er bleibt an allen Zukunftsfragen interessiert, ist Berater in Fragen der Internationalen Zusammenarbeit und einer sozial und ökologisch verantwortlicheren Schweiz.

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