Menschenwürdiges Wirtschaften lässt sich schlecht als innovativ verkaufen

10. Juli 2020 07:06

Die Konzerninitiative schafft aus der Sicht von Karin Landolt einen moderaten ethischen Standard für eine menschenwürdige Wirtschaft. Er sollte ebenso selbstverständlich werden wie die ökologische Nachhaltigkeit.

von Karin Landolt

Sie kennen den Begriff Cleantech. Cleantech ist im Trend, Cleantech heisst Innovation und erfolgsversprechende Businessmodelle mit ressourcenschonenden Technologien und Dienstleistungen.

Klingt vielversprechend und verheisst eine umweltverträgliche Wirtschaft, eine saubere Weste ohne idealistische Verzichtsleistung. Auch Aktionärinnen und Aktionäre investieren gerne, ja immer mehr, in Cleantech-Unternehmen (laut Verband Swiss Sustainable Finance waren es letztes Jahr 1,16 Billionen Franken) und liefern frisches Kapital für die Weiterentwicklung von innovativen Produkten mit geringem CO2-Ausstoss. Das Cleantech-Label lässt sich gut vermarkten. So weit so gut.

Cleantech könnte auch weiter gefasst werden: als saubere Weste im Umgang mit der Menschenwürde, insbesondere in unterentwickelten Produktionsländern, wo Menschenrechte und ein funktionierender Rechtsstaat oft nicht garantiert sind. Innovation in Bezug auf Menschenwürde lässt sich jedoch aus ethischen Gründen schlecht vermarkten. Ein Slogan wie „Neue Rezeptur ganz ohne Kinderarbeit“, klingt beschämend und ist kontraproduktiv, denn eine Kundin oder ein Kunde setzt solches als selbstverständlich voraus. Alles andere ist dreckig, unclean, unethisch, und noch imageschädigender als eine schlechte Umweltbilanz.

Auch Aktionärinnen und Aktionäre tragen Verantwortung. Den meisten Anlegerinnen und Anlegern ist eine menschenwürdige und nachhaltige Wirtschaft wichtig, niemand will eine Dividende auf dem Buckel von rechtlosen Arbeitern oder Regenwaldabholzung ausgeschüttet haben. Sei es aus Gewissensgründen, sei es, weil dreckiges Wirtschaften dem Image des Unternehmens schadet, in das sie investieren; denn dreckiges Wirtschaften kann Strafverfahren und langwierige Prozesse mit sich bringen, unter welchem letztlich auch Anlegerinnen und Investoren zu leiden haben.

Unternehmen bewerben heute Innovation mit hohen Umweltstandards. Menschenwürdiges Verhalten lässt sich hingegen schlecht als innovativ verkaufen. Sie sind darum gut beraten, die Konzernverantwortungsinitiative mitzutragen. Diesen neuen, moderaten ethischen Standard mitzutragen macht sie glaubwürdiger, als wenn sie die Konkurrenz mit teuren Greenwashing-Hochglanzbroschüren auszustechen und die Verantwortung der Konzerne mit fadenscheinigen Ausreden zu verwedeln versuchen. Andernfalls muss die Konsumentin oder der Anleger davon ausgehen, dass sie es nicht ernst meinen, mit Drecksgeschäften, die sich in der Wertschöpfungskette verbergen könnten, aufzuräumen.

 

Karin Landolt ist Co-Geschäftsleiterin bei Actares, Aktionärinnen und Aktionäre für nachhaltiges Wirtschaften, und Inhaberin von Gesprächskultur. Sie ist Mutter zweier Kinder und lebt in Winterthur. 

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