Meine Daten zu meinen Bedingungen

05. Mai 2020 07:42

Die Digitalisierung nimmt in der Corona-Krise eine Entwicklung, die die Grundpfeiler der Demokratie untergräbt – so die These von Entrepreneur Christian Häuselmann. Dabei fordert er dringlich eine neue Debatte und innovative Lösungen zum Datenschutz.

von Christian Häuselmann

Die selbstkritische Analyse ist: Wir sind naiv im Umgang mit Daten. Sehr naiv. Einfach bemerkenswert naiv.

Die aktuelle Viren-Krise startete nach plausiblen Erkenntnissen von Fachleuten im Dezember 2019 auf dem Tiermarkt in Wuhan, China. Die weltweite Sars-Krise von 2002/03 ist zwar bereits in Vergessenheit geraten. Aber sie hatte ihren Anfang auf dem Tiermarkt in Guangdong, China, und forderte nach WHO-Angaben innert sechs Monaten 774 Todesopfer.

Abgesehen von der gesundheitlichen Tragödie lohnt sich die Analyse aus einem ganz anderen Blickwinkel: China ist in Sachen Digitalisierung ein innovativer Diktatur-Pionier. Der Staat nutzt die Digitalisierung nach heutigem Wissensstand zur praktisch totalen, im wahrsten Sinne des Wortes grenzenlosen Kontrolle jedes einzelnen Individuums. Dieses politische Konzept steht in harter Konkurrenz zu den bisher bestehenden Gesellschaftsmodellen, die sich in den westlichen Kulturen in Europa und Amerika in den letzten Jahrhunderten entwickelt haben.

Jetzt treibt diese zweite weltweite Viren-Krise die Digitalisierung in atemberaubendem Tempo voran – in jedem Land dieser Welt. Digitale Klassenzimmer? Funktioniert. Online-Konferenzen mit wenigen bis Dutzenden von Mitarbeitenden statt teuren und emissionsreichen Reisen? Funktioniert. Totale Überwachung jedes einzelnen Menschen bis unter die Unterhose? Funktioniert. Digitales Geld ohne jeglichen Bezug zu physischen Werten? Funktioniert besser als erwartet. Bargeldlose Geldtransfers mit eindrücklicher Wirkung in Entwicklungsländern? Funktioniert!

Wer hätte noch im Jahr 2010 – das ist nur 10 Jahre her – auf eine solche Entwicklung gewettet?

Hier ist der Hammer Nummer eins zu dieser Erfolgsgeschichte. Die digitale Durchtränkung des privaten und beruflichen Alltags produziert gewaltige, unvorstellbare Daten-Massen. Je persönlicher die Daten, desto wertvoller sind sie für die Verarbeiter im Hintergrund. Finanziell profitieren diejenigen, welche diese Daten am besten analysieren und an interessierte Dritte weiterverkaufen können. Diese Asymmetrie wurde von einer Handvoll Monopol-Firmen aus den USA und China innert wenigen Jahren erfolgreich konstruiert und weltweit zementiert. Sie hat sich in unseren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systemen tief eingenistet.

Der zweite Hammer folgt sogleich: Digitalisierung, wie sie heute verstanden und gelebt wird, untergräbt die Grundpfeiler der Demokratie. Es ist ein perfider Angriff, mit tausenden meist unsichtbaren Pfeilen. Kleine gesetzliche und ethik-orientierte Schritte in Richtung weniger Intransparenz und mehr Gerechtigkeit werden zwar unternommen. Aber die Schritte sind zu klein. Quartalsweise nehmen wir staunend zur Kenntnis, welche absurden Summen die weltweiten Digitalisierungsplayer als Reingewinn ausweisen. Diese Zahlen sind der einfachste Beweis und Barometer dieser Asymmetrie. Kern der Digitalisierung ist das Jagen und Sammeln, die Analyse und die Nutzung von Daten. Die fairen, menschengerechten Spielregeln dazu hinken der industrie-getriebenen digitalen Entwicklung milliardenschwer hinterher.

Die heutige Architektur der weltweiten Digitalisierung ist vereinfacht nach der folgenden Regel aufgebaut. Du bist Besitzer eines schönen Hauses – das sind Deine Daten. Aber Dritte – das sind Alphabet/Google, Amazon, Facebook, Tencent, etc. – schreiben Dir vor, was sie mit Deinem Haus machen dürfen und machen werden. Plötzlich wäre also der Balkon abgerissen, das Haus schwarz bepinselt, der Wasserhahn abmontiert, oder die Fenster zugemauert. Wer würde eine solche Regel in einer normalen Welt akzeptieren?

Die Viren-Krise 2020 bringt uns jetzt mit einem Riesensprung innert wenigen Wochen an den Punkt, wo diese Regeln mit Hochdruck, glaubwürdig und ernsthaft diskutiert und neu definiert werden müssen. Das ist zutiefst im Interesse der Digitalisierungsindustrie selbst. Und es wird das entscheidende Thema zur Erhaltung und Stärkung einer gesunden, lebhaften Demokratie und freien Gesellschaft.

Seit den 1950er-Jahren haben sich viele Firmen und Organisationen bereichert über die kostenlose Ausbeutung der Natur. Diese wehrt sich, klar sichtbar und mit exponentieller Wirkung in allen Ländern dieser Welt. Die heutigen Digitalisierungsgewinner bereichern sich seit gut 20 Jahren über die kostenlose Ausbeutung der Daten von einzelnen Individuen. Wann und wie werden sich die Menschen wehren?

Eine Antwort liefert die Firma Prifina in San Francisco, gegründet von einem erfolgreichen finnischen Serial-Entrepreneur-Team. Ihr Motto ist: „My data, my terms“. Kurz und klar, so wie die Finnen sind. Diese Gesellschaftspioniere sind weltweit ganz vorne dabei bei der Wiederherstellung einer gerechten Beziehung zwischen Datenbesitz und -nutzung. Die Schweiz und Finnland haben ähnliche Visionen und Werte. Es lohnt sich gerade auch in diesem Thema, voneinander zu lernen.

Wer dies auch so sieht und wem dieses Thema wichtig ist, soll sich bitte melden. Danke!
 

Christian Häuselmanns Passion als Ökonom, Innovator und Serial Entrepreneur ist das langfristige Handeln von Menschen und Firmen. Unter anderem hat er die Zukunftsinitiative Schweiz2291 – 1000 Jahre Schweiz lanciert.

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