Medizin gegen das grosse Geraune

12. Mai 2020 07:59

Verschwörungstheorien und Falschmeldungen haben in der Krise Hochkonjuktur. Um dem Geraune beizukommen, rät Michael Lünstroth zu Faktenchecks. Als Redaktionsleiter von thurgaukultur.ch ist er der Meinung, die Gesellschaft könne einiges vom Journalismus lernen.

von Michael Lünstroth

Neulich erhielt ich eine WhatsApp-Nachricht von einem guten Freund. Darin verlinkte er ein YouTube-Video und schrieb dazu: „Hier mal ein interessanter Ansatz zu Corona“. Das Video entpuppte sich als gefährliche Mischung aus Halbwissen, scheinbar richtigen Fragen und kruden Theorien einer Weltverschwörung, die am Ende darauf hinauslief, dass Bill Gates hinter der Verbreitung des Virus stecken könnte. Ich war entsetzt. Bislang war niemand in meinem Freundeskreis für derlei toxischen Verschwörungsmist anfällig. Die Corona-Krise scheint auch das zu ändern.

Dabei gibt es relativ einfache Methoden, um berechtigte Fragen zur Corona-Politik von fiesen Verschwörungstheorien zu unterscheiden.

1. Checken Sie die Website!

Grundsätzlich gilt: Je reisserischer eine Quelle ist, desto vorsichtiger sollte man sein. Es gibt ein paar technische Hilfsmittel, mit denen man die Seriosität einer Internetseite besser einschätzen kann. Zu prüfen, ob die Seite ein Impressum hat, ist ein erster Schritt. Das ist Pflicht in fast allen Ländern. Fehlt dies, ist erste Vorsicht geboten. Es gibt auch Seiten wie www.nic.ch/ (Schweiz) oder www.denic.de/ (Deutschland), mit denen man unkompliziert die Betreiber einer Seite herausfinden kann. Damit lässt sich dann weiter über die Hintergründe des Betreibers recherchieren.

2. Benutzen andere diese Quellen?

Um sich vor Fakes zu schützen, sollte man das 2-Quellen-Prinzip verwenden. Das heisst, einer Information erst dann zu vertrauen, wenn sie von mindestens zwei unterschiedlichen Quellen verwendet wird. Das heisst dann noch immer nicht, dass es zwingend wahr sein muss, aber die Wahrscheinlichkeit dafür steigt. Zur Einschätzung der Quelle kann es auch helfen sie mit einer Suchmaschine zu durchleuchten. So bekommt man relativ schnell heraus, in welchen Kontexten diese Quelle bislang benutzt wird.

3. Wahres und Falsches in den Sozialen Medien

Vor allem in den Sozialen Medien spriessen die wildesten Verschwörungstheorien wie Pilze im September. Hier die Übersicht zu behalten, ist fast unmöglich. Es gibt allerdings ein paar Werkzeuge, die helfen können, den Interessen einer Quelle auf die Spur zu kommen.

So hat zum Beispiel die Indiana University einen so genannten Botometer entwickelt: Mit Hilfe dieses Tools kann man analysieren, wie aktiv ein Account ist und wie wahrscheinlich es ist, dass es ein Social Bot ist, der Falschinformationen verbreitet.

Twitter-Accounts kann man auch mit zwei weiteren Werkzeugen prüfen: followerwonk.com und accountanalysis.app. Hier erkennt man relativ schnell, welche Accounts miteinander interagieren. Die Filterbubbles und Ausrichtungen von Accounts lassen sich so besser einschätzen.

Immerhin nehmen die Plattformbetreiber das Thema sehr ernst. „Sie scheinen auch deutlich bereiter zu sein, aktiv einzugreifen, als sie es im Fall politischer Des- oder Falschinformation in Wahlkämpfen typischerweise sind“, sagt der Konstanzer Medienforscher Andreas Jungherr. Trotzdem sollte man sich nicht nur auf Quellen aus den Sozialen Medien verlassen. Das sollte man übrigens auch in normalen Zeiten nie, in Krisenzeiten aber erst recht nicht. Jungherr von Universität Konstanz sagt: „Man ist inzwischen besser bedient, sich auf die Berichterstattung etablierter Medien zu verlassen.“

4. Skepsis first: Zum Umgang mit Fotos und Videos

Bilder und Videos spielen im Umgang mit Fakes rund um die Corona-Pandemie auch eine Rolle. Da ist es hilfreich, ein paar grundlegende Techniken zum Seriositäts-Check von Quellen zu beherrschen. Wesentliche Fragen, die man sich hier immer stellen sollte, sind: Skepsis first: Kann das sein? Sehe ich das Originalfoto? Wer hat das Foto aufgenommen? Wo wurde das Foto aufgenommen? Wann wurde das Foto aufgenommen? Warum wurde das Foto aufgenommen?

Davon ausgehend, kann man weiter recherchieren und die Glaubwürdigkeit von Quellen prüfen. Hilfreich sind dabei vor allem zwei Tools:

Erstens: Die umgekehrte Bildersuche in Suchmaschinen wie Google oder Yandex. Sie beantwortet die Frage, ob das Bild schon früher und in anderen Kontexten verwendet wurde. Zweitens: Für die Browser Chrome und Firefox gibt es ein Zusatzprogramm, ein so genanntes PlugIn, mit dem man seinen Browser aufrüsten kann. Er heisst „RevEye Reverse Image Search“ und schickt ein zu überprüfendes Bild mit einem Klick an mehrere Suchmaschinen. Bei Videos empfiehlt sich das EU-Projekt „We verify“ oder der YouTube Data Viewer von Amnesty International.

5. Nutzen Sie seriöse Quellen!

Eine detaillierte Prüfung von Nachrichten kann aufwändig werden. Je professioneller die Fakes sind, umso schwieriger gelingt die Entlarvung. Wem das zu viel Arbeit ist, bleibt nur ein Rat: Vertraut nur seriösen Quellen. Viele Experten wie Christian Drosten, Virologe der Charité Berlin, haben inzwischen eigene Podcasts und Twitter-Accounts, über die sie informieren. Daneben haben aber auch zahlreiche Medien eigene gute Angebote. Die Republik zum Beispiel erstellt von Montag bis Freitag einen täglichen und sehr informativen Covid19-Newsletter. Auch die Wochenzeitung und andere Schweizer Medien betreiben engagierte Berichterstattung rund um das Coronavirus.

Regelmässige Faktenchecks zur aktuellen Nachrichtenlage liefern auch diese Seiten: Snopes (für Meldungen aus den USA und international), Mimikama aus Österreich für europäische Nachrichten (gerade aktuell zu Fakes rund um das Coronavirus) und das gemeinnützige Journalistenbüro Correctiv.

Übrigens: Das Video, das mir mein Freund weiter geleitet hatte, entstammte aus identitären bis rechtsextremen Kreisen. Aus dieser Richtung gibt es gerade zahlreiche Versuche, unsere Gesellschaft zu destabilisieren und Misstrauen zu säen. Die Rechten versuchen, die sich oft täglich ändernde Nachrichtenlage als Wankelmütigkeit und Unfähigkeit der Politik zu framen und zu verkaufen. Dabei sind diese Meinungsumschwünge oft nur neuen Erkenntnissen der Wissenschaft geschuldet. Das ist Fortschritt, nicht Inkompetenz.

Nochmal: Es ist richtig, Dinge in Frage zu stellen. Auch jetzt. Vielleicht gerade jetzt. Aber wie genau gefährliche Verschwörungstheorien jetzt weiterhelfen, hat noch keiner so richtig beantwortet.

Bitte: Keine Reichweite für Volldeppen!

Überlegen Sie gut, was Sie in den Sozialen Medien teilen und weiterverbreiten. Checken Sie die Quellen! Und wenn Sie das nicht können oder wollen: Teilen Sie nur Inhalte von seriösen Quellen. Wir sind alle verantwortlich für die Gesellschaft, in der wir leben. Und dafür, welche Nachrichten Aufmerksamkeit bekommen und welche nicht.

Deshalb lassen Sie uns doch auf folgende Formel einigen: Keine Reichweite für verschwörungstheoretischen Unfug, keine Reichweite für Volldeppen! Damit sollten wir zumindest nachrichtentechnisch gut durch diese Krise kommen.


Michael Lünstroth (42) ist Redaktionsleiter beim Kulturportal thurgaukultur.ch, freier Autor für verschiedene Medien und Lehrbeauftragter an der Universität Konstanz. Sein letztes Seminar trug den passenden Titel: „Fakten statt Fake News: Wie Journalisten wirklich arbeiten (sollten)“.

Der Text ist zuerst im Kulturportal thurgaukultur.ch erschienen.

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