„Mañana“ – ein Plädoyer für das Aufschieben!

23. Juni 2020 07:20

In der Corona-Zeit haben wir erledigt, was lange liegen geblieben war. Doch Innovationsexperte Christoph Hunziker von der Mobiliar kann dem Aufschieben viel Positives abgewinnen. Grosse, radikale Ideen könnten hieraus entstehen.

von Christoph Hunziker

Der Lockdown wurde von vielen genutzt, um lang Aufgeschobenes zu erledigen. Den Keller endlich wieder mal räumen. Die digitale Fotosammlung ordnen. Das Buch, welches schon so lange ungelesen auf dem Nachttisch lag, endlich lesen. Das Aufschieben dieser Aktivitäten darf man wohl getrost als weit verbreitetes Mainstream-Aufschieben bezeichnen. Dem gegenüber steht das negativ konnotierte Aufschieben alltäglicher Dinge, sei es beruflich oder privat.

Der Aufschieber: In unseren Breitengraden gemeinhin von der Gesellschaft geächtet als faul, unzuverlässig und ohne den nötigen Antrieb. In anderen Weltregionen, namentlich in Lateinamerika, ist das Aufschieben schon fast Teil der Kultur und Identität. „Mañana“, also morgen, ist der Tag, an dem die meisten Dinge erledigt werden.

Unsere traditionell negative Sicht auf das Aufschieben vernachlässigt einen wichtigen Punkt: Während das notorische Aufschieben vieler Dinge aus Mangel an Fokus, Antrieb oder auch Kenntnissen erfolgt und zu einer reduzierten Produktivität führen mag, gibt es auch Aufgaben, die durch Aufschieben veredelt werden. Diverse Studien belegen nämlich, dass Aufschieben ein echter Kreativitätsbooster sein kann!

Das macht Sinn: Einerseits gewinnt man in der Zeit des Aufschiebens neue Inspirationen und Erkenntnisse. Anderseits lässt man beim Aufschieben von Dingen gerne auch mal die Gedanken abschweifen und dieses Tagträumen ist erwiesenermassen eine weitere Quelle von oft grosser Kreativität. Während das Hirn beim bewussten, fokussierten Denken auf bekannte Denkmuster und bestehendes Wissen zurückgreift, entstehen beim diffusen Denken für das Hirn unbekannte Denkmuster durch neue Verbindungen von Nervenzellen, die über neue Pfade verlaufen. Das Resultat daraus können grosse, radikale Ideen sein.

Gerade Wissensarbeiter sind oft mit konzeptionellen Tätigkeiten beschäftigt. Nehmen wir zum Beispiel das Schreiben eines Textes oder das Erstellen einer Präsentation, was oft eine längere Zeit in Anspruch nehmen kann. Dabei neigt man instinktiv dazu, einen Arbeitsabschnitt möglichst mit einem Teilergebnis zu beenden. Versuchen Sie mal, entgegen diesem Instinkt, bewusst einen Text mitten in einem Satz oder eine Visualisierung halb fertig stehen zu lassen. Bei unfertigen Dingen arbeitet das Hirn unbewusst daran weiter und die Idee wird herumgewälzt, auf der Suche nach neuen, kreativen Ansätzen.

Gerade für Leute, die Dinge gerne sofort anpacken, kann es ein „eye-opener“ und eine kreative Offenbarung sein, eine Aufgabe einfach mal unfer
 

Dieser Beitrag ist u.a. inspiriert durch folgende Artikel in der NYT und auf Canva.
 

Christoph Hunziker ist Leiter Innovation bei der Mobiliar. Er beschäftigt sich seit fast 20 Jahren leidenschaftlich mit Innovationsmanagement und kreativen Prozessen. Trotz verhinderter Journalistenkarriere hat er die Freude am Schreiben beibehalten.

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