Lockdown, Circuit Breaker und die Verweigerung der Debatte

22. Oktober 2020 08:58

Die Verwendung von Anglizismen wie Lockdown und Circuit Breaker für den Umgang mit der Pandemie zielt darauf ab, ihren eigentlichen Sinn zu verwedeln, schreibt Steffen Klatt. Solche Anglizismen verdecken oft eine gefährliche Ahnungslosigkeit und behindern die Debatte.

von Steffen Klatt

Anglizismen in der Alltagssprache sind immer wieder Anlass für unfreiwilligen Humor. So werben viele Gastwirte mit dem „Tageshit“ – lies: Tage-Shit, also der Sch… des Tages. En guete! Kaufhäuser und Läden werben regelmässig mit „Sale“. Dabei sollte jeder Sekundarschüler und jede Sekundarschülerin wissen, dass dies in der zweiten Landessprache „schmutzig“ heisst. Den Vogel hat einst der Flughafen Zürich abgeschossen, als er sich Unique Airport nannte. Deutschschweizer betonen Wörter gern auf der ersten Silbe, und dann wird aus unique – nämlich einzigartig – eunuch – nämlich Eunuche. Immerhin hat sich der Eunuchenflughafen wieder zurückbenannt. Für die Alltagssprache gilt also das alte Wort: Wer nichts zu sagen hat, sagt es auf Englisch.

In der Politik dagegen werden Anglizismen gern gebraucht, wenn die eigentliche Aussage möglichst NICHT verstanden werden soll. So sprechen selbst Bundesräte von einem „Lockdown“. Damit meinen sie eigentlich eine Art Massenquarantäne: Die meisten Einwohnerinnen und Einwohner des Landes sollen zuhause bleiben. Das Wort Lockdown kommt aber aus einem anderen Zusammenhang. Ursprünglich steht es im Englischen für eine Form der verschärften Haft, wenn Gefangene ihre Zellen nicht mehr verlassen dürfen. Im weiteren Sinn wird es für Hausarrest gebraucht. So haben nicht wenige Menschen den Begriff Lockdown auch verstanden, als massive Einschränkung ihrer Freiheit. Aber ist das wirklich, was Bundesräte sagen wollen, wenn sie zu ihren Wählerinnen und Wählern sprechen? Wenn sie es dagegen nicht sagen wollen, warum tun sie es?

Auch der neue Begriff Circuit Breaker wird vermutlich verwendet, um die eigentliche Aussage zu verwedeln. Wörtlich übersetzt bedeutet er „Leistungsschalter“. Wir finden diesen Leistungsschalter in Sicherungskästen: Wenn die Sicherung rausfliegt, kann man den Schalter wieder umlegen, und schon geht das Licht wieder an. Angewandt auf die Pandemie: Der Staat verfügt einen Circuit Breaker, und schon verschwindet das Virus wieder. So einfach ist es leider nicht. Wer den Begriff Circuit Breaker dennoch verwendet, zeigt damit nur, dass er – oder sie – keine Ahnung hat, wie mit der Pandemie umzugehen ist. Der Anglizismus soll diese gefährliche Ahnungslosigkeit verdecken.

Die Pandemie ist eine Ausnahmesituation. Es gibt nicht viele historische Beispiele, an denen sich die Politikerinnen und Politiker in ihren Entscheidungen orientieren können. Selbst wenn sie es könnten, wissen sie nicht, welche Lehren der Vergangenheit heute noch anwendbar sind. Doch sie müssen es auch nicht wissen. Nicht die wenigen hundert Politikerinnen und Politiker, Beamtinnen und Beamten in Bern müssen Antworten auf die Herausforderung finden. Das müssen vielmehr die 8,6 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner dieses Landes. Es ist der grosse Vorteil einer Demokratie, sich auf die Weisheit des Volkes abstützen zu können.

Dazu braucht es eine Debatte. Zu einer Debatte gehört es, die Dinge beim Namen zu nennen. Anglizismen behindern die Debatte. 

Steffen Klatt ist Geschäftsführer der Nachrichtenagentur Café Europe, die auch die Plattform punkt4.info betreibt. 2018 ist im Verlag Zytglogge sein Buch „Blind im Wandel. Ein Nationalstaat in der Sackgasse“ erschienen.

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