Kultur ist nicht zweckfrei

11. Mai 2020 07:49

Kulturförderung ist aktive Standortförderung, so die These von Gabriela Chicherio. Dabei fordert die Co-Kuratorin der Design Biennale Zürich, Design in die Kulturförderung miteinzubeziehen – einzig am Inhalt liesse sich Kunst von Kommerz unterscheiden.

von Gabriela Chicherio

Gerade jetzt zeigt sich, wie wichtig Kultur ist. Gemäss Definition ist Kunst, was in kreativer, zweckfreier Gestaltungskraft entsteht. Damit bin ich nicht einverstanden: Nur schlechte, unbedeutende Kunst ist zweckfrei. Gute Kunst ist verbindend, berührend und inspirierend – und das gilt für alle Sparten.

Die Lücke ist gross, wenn die gewohnten Angebote fehlen, aber es beeindruckt auch der Improvisationsgeist: das Wohnzimmerkonzert über Youtube, der Zusammenschluss in einer digitalen Plattform von lokalen Modelabels oder die aktuellen Kinofilme per Stream.

Wir brauchen Kultur. „Künste bringen neue Sicht- und Denkweisen ins Spiel und eröffnen uns ungewohnte Perspektiven auf unseren Alltag“, heisst es im Leitbild der Kulturförderung des Kanton Zürich.

Kultur ist nicht nur als Nahrung für Geist und Seele wichtig, sondern auch wichtiger Faktor für die Standortattraktivität. Ergo ist Kulturförderung zwangsläufig auch Standortförderung. Nun ist es in Stadt und Kanton Zürich so, dass Design von der Kulturförderung kategorisch ausgeschlossen wird.

Design ist also nicht Kultur. Wieso? Weil diese Sparten „finanziell etabliert“ seien. Und weil es schon immer so war.

Aber gerade jetzt zeigt sich, wie fragil diese „finanzielle Etablierung“ von Designschaffenden ist. Bei den Corona-Hilfspaketen wurde glücklicherweise die harte Realität aller Kreativschaffenden erkannt. Nicht nur KünstlerInnen kommen in normalen Zeiten kaum über die Runden, sondern auch DesignerInnen. Die Ausnahme bestätigt wie immer die Regel: Auch in herkömmlichen, geförderten Kultursparten lässt sich Geld verdienen.

Ich plädiere nicht dafür, die Produktentwicklung einer Bohrmaschine zu fördern, genau so wie niemand auf die Idee käme, dies bei einen Werbefilm oder Fachartikel zu tun. Mein Anliegen ist, dass Design endlich als Kultursparte anerkannt wird!

Nicht das Medium macht den Unterschied zwischen Kunst und Kommerz, sondern der Inhalt – egal welches Spartenetikett am Projekt klebt.


Gabriela Chicherio ist Produktdesignerin mit den Schwerpunkten Konzepte, Ausstellungen, Möbel und Accessoires. Sie entwickelt Produkte für nationale und internationale Hersteller, arbeitet als Freelancerin und ist Mitgründerin sowie Co-Kuratorin der Design Biennale Zürich. Sie handelt nach der Überzeugung: „Design funktioniert immer als Vermittler: zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Kultur und Wirtschaft, zwischen Mensch und Produkt, zwischen Form und Funktion.“

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