Krise als Chance zur Verbesserung der Lieferketten nutzen

28. April 2020 08:00

Die Corona-Krise zeigt, welche Risiken bei Lieferketten bislang unterschätzt wurden. Jetzt sei die Zeit für eine Optimierung, sagt Sibyl Anwander, ehemalige Chefökonomin des Bundesamts für Umwelt BAFU. Dabei müssten gerade Umweltrisiken stärker berücksichtigt werden.

von Sibyl Anwander

Im Rahmen der aktuellen Krise ausgelöst durch Covid-19 werden viele Unternehmen ihre Lieferketten neu analysieren, auf Schwachstellen prüfen und überlegen, wie mehr Resilienz eingebaut werden kann.

Die aktuelle Krise zeigt, dass wir alle global vernetzt und auf Beschaffungs- wie auch auf Absatzseite voneinander abhängig sind. Eine kurzfristige Stornierung von Bestellungen, mit denen grosse Textilketten negative Schlagzeilen machten, setzt da sicher ganz falsche Zeichen. Viel lobenswerter sind die aktuellen Empfehlungen der weltweit grössten Business-Initiative im Bereich der verantwortlichen Lieferketten, amfori, welcher auch viele Schweizer Unternehmen angehören.

Jetzt ist aber auch der richtige Zeitpunkt, um weitere wichtige Aspekte im Sinne der Nachhaltigkeit in eine umfassende Lieferkettenanalyse aufzunehmen, orientiert an den OECD Richtlinien zur Due Diligence.

Denn die Themen Klimawandel, Verlust an Biodiversität, Wasserknappheit oder Menschenrechte sind ja nicht einfach vom Tisch. Zumindest im Risikobarometer des WEF war zwar die Gefahr einer weltweiten Epidemie auch aufgeführt, aber die Wahrscheinlichkeit und die potentiellen Auswirkungen der umweltbedingten Risiken wurden als sehr viel grösser eingeschätzt.

Umso wichtiger ist es, die bestehenden Lieferketten und Business-Modelle unter diesen Aspekten ganzheitlich auf die unterschiedlichen Risiken zu überprüfen. Dabei soll der Ansatz der doppelten Materialität zum Zuge kommen – wo ist unser Unternehmen besonders von den externen Risiken betroffen, aber auch wo trägt unser Unternehmen mit seinen Aktivitäten selber dazu bei, diese Risiken zu verstärken?

So sollte auch die sicher berechtigte finanzielle Unterstützung des Bundes an die Wirtschaft zur Überbrückung der krisenbedingten Engpässe mit einer gesetzlich verankerten Verpflichtung zu einer umfassenden Sorgfaltspflicht verbunden werden. Fach- und Branchenverbänden könnten jetzt Schulungs- und Beratungsangebote schaffen, wie eine solche strategische Lieferkettenanalyse risikobasiert vorgenommen und in überzeugende Massnahmenpläne übergeführt werden können. Viele dieser Massnahmen werden sich in der längerfristigen Betrachtung als Chance erweisen und den Wirtschaftsstandort Schweiz noch wettbewerbsfähiger machen.


Dr. Sibyl Anwander berät Firmen und Organisationen mit Schwerpunkt Lieferketten und Beschaffung, Ökologie und nachhaltige Finanzen. Sie war als Chefökonomin beim Bundesamt für Umwelt BAFU und davor als Leiterin Wirtschaftspolitik und Nachhaltigkeit bei Coop tätig. Im Rahmen dieser Tätigkeit nahm sie auch Mandate in diversen Business-Initiativen mit Schwerpunkt Lieferketten wahr. 

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