In Gärtnerdörfern liegt die Siedlungszukunft

01. Juli 2020 08:19

Wohlstand für alle ist möglich. Das ist die These des Siedlungswissenschaftlers Ralf Otterpohl. Doch dies sei nur machbar, wenn viele Menschen eine Art neuer Dörfer aufbauten und bereit seien, ihre komplette Lebensweise zu ändern. 

von Ralf Otterpohl

Nach über 15 Jahren Forschung zu ländlicher Entwicklung und Projekten in vielen Teilen der Welt kann ich inzwischen sagen, dass alles für ein Leben in Wohlstand für alle da ist. Es braucht aber sehr viele Menschen, die an besonders lebenswerten Welten aktiv mitwirken. Die Stadt allein hat keine Zukunft! 

Ein zukunftstauglicher Bauernhof besteht aus vielleicht hundert Minifarmen, so setzt sich das sogenannte Neue Dorf zusammen. Selbständige Teilzeit-Gärtner produzieren in eigenen Gärten mit interessanter Nachbarschaft hochwertige Lebensmittel und bauen Humus auf. Sie haben vielfältigen Tätigkeiten, ein gutes Auskommen – sie sind unabhängig und selbstbestimmt. Es gibt wesentliche Zusammenhänge von gesundem Boden, Grundwasserneubildung, Gesundheit, Gehirnfunktion, Glück und lokalem Klima.

Humus, lebendiger Boden, ist unsere Lebensgrundlage. Der Erhalt und Wiederaufbau von lebendigem Boden erfordert Millionen von Menschen. Humusaufbau sorgt für hohe Produktivität, sichert die Wasser- und Lebensmittelversorgung und ein ausgeglichenes Klima. Das Klima hängt weitgehend vom Humus und der Pflanzendecke ab. Die vielfältigen Kleinbetriebe der Neuen Dörfer versorgen mit professionellem Vertrieb auch die Stadt mit Versorgungssicherheit und vermeiden weite Transportwege. Mit bio-intensiven in hoher Pflanzenvielfalt betriebenen Gartenbaubetrieben kann wunderbare Natur und ein Auskommen erreicht werden. Damit es kein Hamsterrad wird, empfehle ich zwei bis drei unterschiedliche Tätigkeiten, Gartenbau in Teilzeit. 

Viele Menschen können neben der eigenen Minifarm einen Anteil an einem Weiterverarbeitungsbetrieb, der Herstellung von Haushaltschemikalien, einer Tischlerei oder an einem Betrieb für Elektrogeräte- und Fahrzeugen haben. Wenn es mindestens 150 BewohnerInnen gibt, ist auch Bedarf für Lehr-, Heilberufe, Vertrieb, Transport und viele weitere Dienstleistungen. Kultur wird aktiv betrieben, die Bühne ist zugänglich. Kinder wachsen in und mit der Natur auf. Für Ältere gibt es bei Bedarf häusliche Pflege von Fachkräften aus der Nachbarschaft, die diese oft schwere Arbeit durch Teilzeit und persönlichen Bezug auch besser mit Freude verrichten können. 


Ralf Otterpohl ist Professor an der Technischen Universität Hamburg und leitet dort das Institut für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz sowie die Arbeitsgruppe „Ländliche Entwicklung“. Durch die Forschung zu Terra Preta Sanitation konnten Wege zur effizienten Humusproduktion aufgezeigt werden. Seit etwa zwanzig Jahren lehrt er für Studierende aus aller Welt Ländliche Entwicklung.

Vortragsreise zum Buch: 
Ralf Otterpohl: Das Neue Dorf – Vielfalt leben, lokal produzieren, mit Natur und Nachbarn kooperieren (oekom verlag), Vortragsreise in der Schweiz 7. bis 17. August 2020 Termine in Gartenring.org.

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