Homeoffice oder Heimarbeit?

08. Februar 2021 11:05

Die Corona-Pandemie hat einen neuen Anglizismus in die deutsche Sprache gespült: das Homeoffice. Dabei erinnern die Probleme, welche die Arbeit von zuhause mit sich bringt, sehr an die Probleme der einstigen Heimarbeit, schreibt Steffen Klatt. Warum also nicht das deutsche Wort verwenden?

von Steffen Klatt

Journalisten tragen eine besondere Verantwortung für die Sprache. Sie gehören nicht nur zu denen, welche die Sprache als ihr wichtigstes Werkzeug einsetzen. Sie erreichen und beeinflussen zudem mit ihrem Gebrauch der Sprache so viele Menschen wie kaum eine andere Berufsgruppe.

Entsprechend diskutieren wir bei Café Europe regelmässig über den richtigen Gebrauch der Sprache. Der Umgang mit Anglizismen gehört dabei zu den ständig wiederkehrenden Themen – und mit gutem Grund: Wir produzieren viele Nachrichten über Wirtschaftszweige wie die Biotechnologie und die Finanzwirtschaft, über Themen wie die digitalen Kommunikationstechniken und die Kryptowährungen. Und keine dieser Wirtschaftszweige und kaum ein Vertreter dieser Themen glaubt ohne Anglizismen für ihre Innovationen auskommen zu können. 

Das Wort Homeoffice ist eine andere Sache. Es ist zwar erst vor einem Jahr mit voller Wucht in die deutsche Sprache eingebrochen – und von Journalisten aller Medien inflationär gebraucht worden. Aber die Tatsache hinter dem Wort – die Arbeit von zuhause aus – hat es schon lange gegeben. Es gibt sogar ein Wort dafür, nämlich Heimarbeit. Und mehr noch: Es gibt Gesetze, welche die Heimarbeit regeln. In der Schweiz ist es das Bundesgesetz über die Heimarbeit, ein übrigens leicht zu lesender Text von kaum sechs Seiten. Es regelt zum Beispiel, dass Arbeitgeber die Arbeitsgeräte zur Verfügung stellen müssen. 

Es ist einfach zu verstehen, warum etwa der Bundesrat von „Home-Office“ spricht: Denn sagte er korrekterweise Heimarbeit, dann griffe sofort das entsprechende Bundesgesetz. Weniger einfach zu verstehen ist, warum Gewerkschaften von Homeoffice sprechen, denn ihre Aufgabe wäre es, die Interessen der Arbeitnehmenden zu vertreten.

Am wenigsten aber ist es zu verstehen, warum in der öffentlichen Debatte das Wort Heimarbeit kaum vorkommt. Denn diejenigen Probleme, die einst die Heimarbeit gekennzeichnet haben, kehren nun zurück: Viele Menschen arbeiten in einer Umgebung, die dafür nicht gemacht ist. Sie leiden unter der Doppelbelastung von Beruf und Familien. Sie vermissen den einfachen Umgang mit Kollegen. Sie fühlen sich abgeschnitten von wichtigen Informationen. Sie können nur schwer trennen zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Und sie kommen oft für die Kosten der Arbeitsgeräte und immer für die Kosten des Arbeitsplatzes auf.

Heimarbeit kann auch Vorteile haben: Die Fahrten zum Arbeitsplatz entfallen, die Verknüpfung von Arbeit und Familie kann erleichtert werden – wenn die Umstände stimmen. Doch der ausschliessliche Gebrauch des Wortes Homeoffice behindert eine ehrliche Diskussion über die Nach- und Vorteile der Heimarbeit. Der Anglizismus suggeriert Neues, Innovatives, ja „Cooles“ – und wer will schon dastehen als jemand, der Innovatives ablehnt.

 

Steffen Klatt ist Geschäftsführer der Nachrichtenagentur Café Europe, die auch die Plattform punkt4.info betreibt. 2018 ist im Verlag Zytglogge sein Buch „Blind im Wandel. Ein Nationalstaat in der Sackgasse“ erschienen.

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