Handeln ohne Kontext

23. April 2020 11:21

Covid19 wird längst überfällige strukturelle Veränderungen in der Wirtschaft nach sich ziehen. Wie kann das gelingen? Mit Offenheit für den Wandel, sagt der Gründer der Denkfabrik THE HUS, Rudolf Hilti. Auch Erfahrungen müssten teils ausgeblendet werden.

von Rudolf Hilti

Wir sind gewohnt, uns auf ein Thema zu fokussieren und Unwichtiges auszublenden, damit wir uns nicht verzetteln. Im Gegensatz zu früher sind mit künstlicher Intelligenz ausgewertete Datenpools um ein Vielfaches genauer, als diese der Mensch in Eigenregie selbst modulieren könnte. Viele stützen sich auf zeitraubend erarbeitete Kennzahlen und nützen ihre Expertise, diese Zahlen zu verstehen und zu deuten. Vorangehen in eingeengten Korridoren ist oft das Resultat. Zahlengebilde werden uns heute vorgegeben und deren Auswertung mitgeliefert. Entscheidend ist es, deren Kontext zu verstehen – zu wissen, wie diese entstehen.

Was wäre, wenn wir uns erlauben, ohne bekannten Kontext zu handeln, zumindest zwischendurch?

Die fokusorientierte und lineare Wirtschaft, wie wir sie kennen, verändert sich mehr und mehr in ein datengetriebenes zusammenhängendes Ökosystem. Durch intelligentes Auslesen und systemisches Analysieren von Daten bekommen wir Klarheit über zugrundeliegende Zusammenhänge. Die gesellschaftliche und naturbezogene Veränderung, wie wir sie erleben, braucht ein neues Verständnis. Dies setzt ein kategorisches Neudenken voraus. Neudenken braucht Mut: den Mut, vieles zu vergessen, was wir zu wissen scheinen. Zu viel Erfahrung kann uns dabei hemmen, da wir Erfahrung mit einem anderen Kontext gemacht haben und genau diese Erfahrung mündet in der heutigen Zeit vielfach in Trägheit gegen Wandel. Wer möchte sich schon von weniger erfahrenen Menschen aufklären lassen?

Aber: Es tut not, weg vom Gewohnten zu kommen.

Gleiches gilt für das Abzahlen von Krediten, wenn Kredite wenig kosten. Günstige Zinsen lassen uns Geschäfte weiterziehen, da Kredite kaum ausfallen, wenn ihre Zinsen wenig kosten. Man vertraut auf die Zukunft und stützt sich auf einfache Finanzkennzahlen, vergisst aber erneut vielfach den Kontext. Erst Krisen bewegen uns dazu, aus der Trägheit – dem Gewohnten – zu entfliehen. Covid19 wird neben dem Krankheitsverlauf der Menschen längst überfällige strukturelle Veränderungen in der Wirtschaft mit sich bringen. Wir haben rasch ansteigende Zahlen bei dieser Epidemie. Ähnliches haben wir bei der Keeling-Kurve, die die Zunahme der Treibhausgase misst. Da wie dort ist es ein steiniger Weg, der überzeugend gegangen werden muss.

Es gilt, sich zu öffnen, ohne sich zu verlieren. Panik hilft wenig bei strukturellen Änderungen. Wer sich zu positionieren weiss, weiss, was er tut.
 

Rudolf „Rudi“ Hilti ist ein Visionär aus Liechtenstein, der sich als verantwortungsbewusster Optimist bezeichnet. Er hat die Denkfabrik THE HUS und The System Change Foundation in Vaduz ins Leben gerufen. Selbst gestecktes Ziel ist, Brücken zu bauen, um die Bewältigung von globalen Herausforderungen auf eine ganzheitliche Ebene zu bringen, ohne an höhere nationale Interessen gebunden zu sein.

Mehr zu Nachhaltigkeit

Aktuelles im Firmenwiki