Gemeinsinn führt die liberale Demokratie in die Zukunft

15. Juni 2020 07:29

Die Herausforderung unserer Zeit ist, Individualismus und Gemeinsinn miteinander zu verbinden. Das funktioniert, sagt Christian Zeyer, Geschäftsführer des Wirtschaftsverbands swisscleantech. Für die liberale Demokratie sei dieser Schritt entscheidend.

von Christian Zeyer

Gerade ist es wieder en vogue, den Individualismus zu beklagen und Gemeinsinn einzufordern. Dabei geht leider vergessen, dass diese beiden Begriffe keine Antagonisten sind. Meines Erachtens bezeichnet Individualismus nichts anderes, als sich selber zu kennen, seine Wünsche wahrzunehmen und auch seine Gedanken frei zu äussern. Gemeinsinn bedeutet für mich, das Interesse der anderen Menschen ernst zu nehmen und es in die eigenen Nutzenerwägungen miteinzubeziehen.

Mehr Gemeinsinn und weniger Individualismus einzufordern, ist daher eine gefährliche Lösung. Wohin das führen kann, lässt sich in einigen Ländern Osteuropas sehr deutlich beobachten. Wer anders denkt als der Mainstream, wer anders liebt als dies für die Fortpflanzung des Menschen notwendig ist, wird ausgegrenzt und als Feind bezeichnet. Autoritäre Regime – nicht nur in Osteuropa, sondern auch in China und anderen asiatischen Ländern – setzen darauf, Menschen gleichzuschalten und sie auf das Interesse der Allgemeinheit einzuschwören – so wie die Regime dieses definieren. Was auf der Strecke bleibt, ist die Individualität, also die Möglichkeit, so zu sein und so zu empfinden wie wir wirklich sind. Gewonnen wird aber nicht Gemeinsinn, sondern Gewalt über Minderheiten unter dem Diktat der Gleichschaltung.

Die illiberale Demokratie ist nur zum Preis der Selbstverleugnung zu erhalten, und sie beschneidet die Freiheit des Denkens. Damit torpediert sie jedoch genau das, was unsere westliche Welt in den letzten 150 Jahren so erfolgreich gemacht hat: „anders Denken“, Innovation und Freiheit im Handeln und Wirtschaften legen den Boden für die Marktwirtschaft. Gleichschaltung und Mainstream dagegen sind freudlos und stehen dem Erfolg im Wege. Individualisierung ist deshalb als Kraft zu begreifen, die uns vorantreibt. Eine Kraft, die Lebensfreude spenden kann und uns hilft, nur sich selber und niemand anders zu sein. Das Leben ohne Individualisierung gleicht dem drögen Leben der Massentierhaltung.

Individualisierung und Liberalismus müssen sich jedoch den Vorwurf gefallen lassen, dass sie die Interessen des Einzelnen zu stark über die Interessen der Allgemeinheit stellten. Wir können nicht mehr länger negieren, dass es Gemeingüter gibt, mit denen wir gemeinsam sorgsam umgehen müssen. Die wahre Spannungslinie liegt deshalb vielmehr zwischen gemeinsamen Interessen und Eigennutz als zwischen Individualisierung und Gemeinsinn.

Die grosse Herausforderung für die liberale Demokratie besteht darin, die Individualisierung im Sinne der Selbstwahrnehmung zuzulassen, aber dem gemeinsamen Interessen der Allgemeinheit einen grösseren Wert zuzuordnen. Die Herausforderung des Einzelnen besteht darin, seine Wünsche und Erwartungen zwar wahrzunehmen, sich aber zu fragen, inwiefern die Erfüllung dieser Wünsche dem Gemeinwohl dient oder dazu in einem Widerspruch steht.

Und ja: Gleichschaltung dient nicht zwingenderweise dem Gemeinwohl. Horden von Leuten, die für eine Woche mit dem Flugzeug nach Phuket reisen, um sich am Strand zu bräunen, stehen im Lichte der Klimakrise seltsam da. Hier wäre möglicherweise mehr Individualisierung gefragt. Aber gleichzeitig auch die Auseinandersetzung damit, inwiefern mein Handeln mit übergeordneten Interessen übereinstimmt. Gerade Statussymbole sind oft Ausdruck einer mangelnden Individualisierung.

Somit ist die Dreieinigkeit der französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ auch heute noch aktuell – selbst wenn wir den Begriff der Brüderlichkeit wohl nicht mehr nutzen würden. Für mich ergeben diese drei Begriffe, das, was eine aufgeklärte menschliche Gesellschaft ausmachen müsste: als Mensch in Freiheit zu leben und doch den anderen in einer Art verbunden zu sein, in der ich ihnen nicht schade, sondern mit ihnen zu einem gemeinsamen Besseren zusammenarbeite.

Damit Individualismus und Gemeinsinn miteinander verbunden werden können.

Edit: Ich wurde gefragt, was diese Gedanken mit meinem üblichen Thema der Klimakrise zu tun haben. Alles und nichts. Einerseits möchte ich mich als Mensch nicht auf meine Arbeit reduzieren lassen. Andererseits scheint es mir offensichtlich, dass, wenn wir die Klimakrise meistern wollen, wir beides brauchen: Individualisierung und Gemeinsinn.

 

Christian Zeyer, promovierter Chemieingenieur, engagiert sich seit 30 Jahren für Energie und Klimafragen. Als Geschäftsführer des Wirtschaftsverbandes swisscleantech ist er nahe am politischen Geschehen in Bern. Swisscleantech will die Wirtschaft klimatauglich und die Klimapolitik wirtschaftstauglich machen. 

Dieser Text ist zuerst auf LinkedIn erschienen.

 

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