Gefühltes Risiko – warum Emotionen statt Fakten unser Handeln bestimmen

25. März 2021 06:50

Der Corona-Diskurs hat häufig eine aggressive Grundstimmung. Das hängt laut Jörn Basel damit zusammen, dass Menschen der Umgang mit abstrakten Statistiken schwerfällt. Der Wirtschaftspsychologe von der Hochschule Luzern untersucht, wie Risikokommunikation in diesen Zeiten gelingen kann.

von Jörn Basel

Ignorieren, leugnen, Aggressivität oder in Panik verfallen: Das menschliche Verhaltensspektrum, mit der Covid19-Pandemie umzugehen, ist immens. Aber warum reagieren wir dermassen unterschiedlich auf ein uns alle betreffendes Risiko?

Natürlich lässt sich argumentieren, dass die Konsequenzen einer Corona-Infektion auch nicht für alle Menschen gleich sind. Eine betagte Person hat schliesslich gute Gründe, die Gefahren einer Erkrankung als schwerwiegender einzuschätzen. Aber so einfach ist dies nicht, denn selbst Personen, welche nicht zur Risikogruppe gehören, zeigen eine bedeutsame Bandbreite, mit der neuen Masken-Normalität umzugehen. Folglich wirken PolitikerInnen oder ExpertInnen, wie etwa die Genfer Virologin Isabelle Eckerle, überrascht angesichts der grassierenden Irrationalität mancher Bevölkerungsgruppen und beklagen – vollkommen zu Recht – eine damit verbundene aggressive Grundstimmung des öffentlichen Diskurses.

Der psychometrische Ansatz der Risikowahrnehmung


Aus Sicht der psychologischen Forschung gilt allerdings: Das Covid19-Virus mag neu sein, unsere – teilweise irrational anmutenden – Reaktionen im Umgang mit den damit verbundenen Risiken sind es nicht. Denn die Verhaltensweisen, welche wir aktuell im Umgang mit der Pandemie beobachten, lassen sich verblüffend gut durch einen klassischen Ansatz der psychologischen Risikowahrnehmung erklären. Der sogenannte psychometrische Ansatz der Risikowahrnehmung wurde bereits in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts von Forschenden wie Paul Slovic, Baruch Fischhoff und Sarah Lichtenstein entwickelt und liefert eine überzeugende Erklärung, weshalb unser subjektives Risikogefühl oftmals handlungsrelevanter ist als wissenschaftliche Fakten. Angesichts einer Forschungshistorie von rund 50 Jahren, könnte man fast sagen, die Ausrufung eines postfaktischen Zeitalters ist aus Sicht der Psychologie ein alter Hut.

Slovic und seine Arbeitsgruppe hatten festgestellt, dass die Meinungen von Laien und ExpertInnen in verschiedenen Risikodomänen systematisch auseinander liegen. Während ExpertInnen gerne quantifizierte Risikoabschätzungen tätigen, setzen Laien auf ihre persönlichen, emotional gefärbten Erfahrungen. Dieser Unterschied dürfte zunächst die wenigsten verwundern. Experten und Expertinnen werden ja genau deshalb als solche tituliert, weil sie bestimmte Dinge detaillierter wissen oder einschätzen können als die Allgemeinbevölkerung.

Es geht aber nicht darum, dass Laien anders urteilen, sondern um ein Verständnis, warum sie dies tun. Die Forschungsleistung von der Arbeitsgruppe um Slovic besteht daher darin, dass sie mittels statistischer Analysen zwei zentrale Faktoren identifizieren konnten, welche eine Vorhersage erlauben, ob Laien ein Risiko als hoch oder marginal einschätzen.

Schrecklichkeit und Unbekanntheit eines Risikos


Der erste Faktor ist die Schrecklichkeit (engl. Dread) eines Risikos. Wie tödlich sind die Konsequenzen? Aber auch wie stark entzieht sich ein bestimmtes Risiko unserer Kontrolle?

Der zweite Faktor ist die Unbekanntheit eines Risikos. Wie erforscht ist es? Aber auch wie neuartig? Die oftmals festgestellt Corona-Müdigkeit lässt sich beispielsweise gut damit erklären, dass dieses Risiko nun nicht mehr als neu angesehen wird und/oder man glaubt, durch den entwickelten Impfstoff den Virus unter Kontrolle zu haben.

Nun könnte man aber anmerken, dass die grosse Zahl der weltweit an Corona Verstorbenen uns gemäss diesem Modell doch in Alarmbereitschaft versetzen müsste. Die Gefahr ist – rein faktenbasiert – doch eklatant. Leider reagieren wir jedoch auf prominente Einzelschicksale deutlich empfindsamer als auf grosszahlige Todesmeldungen. Unserer handlungsweisenden Wahrnehmung fehlt schlicht eine verhältnismässige Abbildung menschlichen Leids. Der Schrecklichkeitsfaktor eines Risikos ist folglich nicht als absolute Grösse zu verstehen, sondern ebenfalls als hochgradig subjektive Einschätzung.

Mahnende Expertinnen wie Isabelle Eckerle raufen sich angesichts dieser Tatsache natürlich die Haare, aber die menschliche Natur hat uns zwar zu sozialen Wesen gemacht, allerdings ohne besondere Fähigkeiten im Umgang mit abstrakten Statistiken oder Wahrscheinlichkeiten. Unser sozialer Tellerrand ist zusätzlich auch verhältnismässig überschaubar. Sprich, den Schutz eines nahen Verwandten können wir noch erfassen, das Altersheim drei Strassen weiter ist für viele Menschen schon zu unpersönlich und emotional zu weit entfernt. Und damit nicht genug; denn, wenn wir einmal doch den Schrecken hinter den Zahlen erkennen, besteht laut Slovic zusätzlich die Gefahr, dass wir notwendige Handlungen trotzdem unterlassen –  überwältigt von den grossen Zahlen.

Dieses Phänomen wird in der Fachsprache Psychic Numbing, also psychische Betäubung genannt. Damit ist gemeint, dass bei uns ein Übermass an Leid, eben nicht zu übermässiger Hilfsbereitschaft führt, sondern wir oftmals in einer wahrgenommenen (Schein-) Hilfslosigkeit verharren. Zynisch nennt Paul Slovic seinen Aufsatz zu diesem Thema daher auch the more who die, the less we care (je mehr sterben, desto weniger kümmert uns dies). Der Eindruck, dass manche Personen angesichts der grassierenden Unsicherheit resignieren und das Gefühl haben, bestimmte Massnahmen bringen als Einzelperson nichts, ist zum Teil auch durch diesen Befund erklärbar.

Isabelle Eckerle fragt in ihrem Tweet, was es für ein besseres Verständnis bestimmter wissenschaftlicher Fakten braucht. Ein psychologisches Allheilmittel gibt es natürlich nicht. Aber es gibt die Erkenntnis, dass der Mensch zwar angesichts eines Risikos oft irrational agiert, aber immerhin vorhersagbar irrational. Und auf diese Vorhersagbarkeit lässt sich aufbauen: WissenschaftlerInnen können bewusst etwa thematisieren, dass das Corona-Virus zwar mittlerweile intensiv erforscht wird, jedoch immer noch ein verhältnismässig neues Risiko darstellt. In der Kommunikation der Risiken kann die Gefährdung verständlicher dargestellt werden und die Wirksamkeit von individuellen Verhaltensweisen stärker in den Vordergrund rücken. 

Eine emotionale Risikobewertung ist menschlich. Dies entschuldigt aber natürlich in keinster Weise Hasskommentare und öffentliche Anfeindungen. Drohungen und Beleidigungen sind auch nicht irrational, sondern schlicht eine nicht tolerierbare Unsitte, welcher entschieden begegnet werden muss.


Prof. Dr. Jörn Basel ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der HSLU. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich der angewandten Entscheidungsforschung mit den Schwerpunkten Vertrauen, Risikowahrnehmung und neue Technologien. Privat hat er allerdings keinerlei Risikotoleranz, wenn es um guten Espresso geht. Das Risikomanagement erfolgt daher über eine detaillierte Kaffeehausauswahl mittels der App Beanhunter

Dieser Text ist zuerst erschienen im Blog der HSLU erschienen.

Referenzen

  • Slovic, P., Fischhoff, B., & Lichtenstein, S. (1986). The psychometric study of risk perception.  In: V.T. Covello, J. Menkes, & J. Mumpower (Eds.), Risk evaluation and measurement. 3-24. New York: Plenum.
  • Slovic, P. and Västfjäll, D. (2013). The more who die, the less we care: Psychic numbing and genocide. Behavioural public policy.  94-114.

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