Europa droht im digitalen Wettstreit zu verlieren

22. Oktober 2019 12:14

Zürich - Europa könnte im globalen Wettstreit zwischen den USA und China um die Führung im Technologiesektor unter die Räder kommen. Davor warnen die Bank Vontobel und die Eurasia Group in einer neuen Studie. Gewinner könnten Chinas Nachbarn und Lateinamerika sein.

Der Wettstreit zwischen den USA und China um die Führung der Welt hat sich unter den Präsidenten Donald Trump und Xi Jinping verschärft. Der Kampf um die globale Technologieführerschaft ist dabei zu einer der wichtigsten Frontlinien geworden, schreiben die Bank Vontobel und die Eurasia Group in ihrer neuen Studie „Die nächste digitale Supermacht“. Dabei geht es um Themen wie die Mobilnetze der fünften Generation (5G) und die Künstliche Intelligenz. China kann mit seinem grossen Markt und der starken Stellung des Staates in der Wirtschaft punkten, die USA mit der führenden Rolle des Silicon Valley und des US-Innovationsökosystems in der Technologie.

Der globale Technologiesektor könnte im Zuge des amerikanisch-chinesischen Duells in zwei Hälften zerrissen werden. Der Riss droht dabei, mitten durch Europa zu verlaufen. So beteiligten sich die osteuropäischen EU-Mitglieder, aber auch Griechenland und Italien an der chinesischen Seidenstrassen-Initiative. „Als Folge davon wird die Fähigkeit der EU, ambitionierte Positionen zu China für die gesamte Union zu entwickeln, zunehmend beeinträchtigt“, heisst es in der Studie. Sie drohe damit ins Kreuzfeuer der beiden Kontrahenten zu geraten. 

Zwei getrennte technologische Ökosysteme samt unterschiedlichen Normen und Standards würden zudem die Kosten für Anleger und Unternehmen erhöhen, die in beiden Regionen tätig sein wollen. „Globale Unternehmen wären viel schwieriger zu betreiben, wenn Daten nicht mehr dort gespeichert oder verarbeitet werden können, wo es am effizientesten ist, und wenn konkurrierende Technologie-Systeme aus den USA und China nicht oder nur noch teilweise kompatibel miteinander sind“, so die Autoren.

Die Autoren gehen davon aus, dass die Auseinandersetzung zwischen beiden Seiten weiter anhalten wird. Das könnte selbst dann der Fall sein, wenn sich etwa nach den Wahlen in den USA 2020 wieder kühlere Köpfe durchsetzen. Einen Wiederaufstieg des Westens halten die Autoren für wenig wahrscheinlich, eine dauerhafte Deeskalation für unwahrscheinlich. Eine bloss vorübergehende Deeskalation könne sogar dazu führen, dass der Kampf noch erbitterter geführt wird, weil sich beide Seiten von der anderen betrogen fühlen könnten. 

Der Konflikt wirkt sich global destabilisierend aus. Er schafft für die Weltwirtschaft negative Wachstumseffekte, erhöht den Inflationsdruck, zerstört Lieferketten und verringert die Renditen der Finanzmärkte. Es gibt aber auch Gewinner, so die Autoren. Dazu gehören die kleineren Nachbarländer Chinas wie etwa Vietnam und auf der „amerikanischen Seite“ der Welt Lateinamerika, das von amerikanischen Investitionen profitieren könnte. stk

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