Digitalität steckt im Kopf, nicht im Chip

19. Mai 2020 07:45

Die Tour de Suisse fiel 2020 Corona zum Opfer – stattdessen gab es mit dem ersten digitalen Profi-Radrennen „The Digital Swiss 5“ eine Weltpremiere. Ueli Anken, der Medienchef der Tour de Suisse, beschreibt, wie im zähen Ringen um die Saison Platz für digitale Innovation wurde.

von Ueli Anken

Im April rollte das erste digitale Profi-Radrennen über die Bildschirme. Fünf Tage lang, jeden Tag 57 Fahrer aus 19 Teams, je rund eine Stunde Rennzeit. Im Hinterbau der Rennvelos statt des Rades die smarte Rolle mit ihrer IP-Adresse. Vor dem Fahrer ein Bildschirm, je nach persönlicher Organisation auf dem Balkontisch, einem Notenständer oder der Werkbank in der Garage. Das Schweizer Fernsehen SRF hat „The Digital Swiss 5“ übertragen, mit einem Fahrer live im Studio und 16 weiteren via Webcam zugeschaltet. Sportkanäle auf allen Kontinenten haben die Produktion verbreitet.

Ausgedacht und organisiert hatten das Ganze die Verantwortlichen der Tour de Suisse. Doch der Reihe nach. Am 3. April mussten sie der Welt mitteilen, dass die 84. Landesrundfahrt vom 6. bis 14. Juni nicht stattfinden wird. Der Entscheid fiel am Tag zuvor, nach wochenlangem Ringen und Rechnen. Reale Tränen, nichts mit digitalen Träumen. Deren Stoff war bereits im letzten Sommer zu einem Projekt geworden, bloss einem völlig anderen.

Zusammen mit einem Geek-Team um den Tschechen Petr Samek mit ihrer Plattform Rouvy haben Joko Vogel, Olivier Senn und Mario Klaus damals die kuriose Idee virtueller Tour-Teilstrecken für Hobby-Radler ausgeheckt. Um der Gümmeler-Community schon im Winter den Pässe-Kick in realem Ambiente zu ermöglichen, wurden einige der beliebtesten Schweiss- und Adrenalinquellen mittels Motorradkamera gefilmt: Oberalp, Nufenen, Schallenberg et cetera. Mitte Dezember dann die Medienmitteilung. Statt vor der kahlen Kellerwand fand Trainieren auf der Rolle ab sofort im Aufstieg zur Rheinquelle statt. Die Kuriosität schuf Weihnachten im Veloland.

Dass seit 10. Dezember Wei Guixian als mutmassliche „Patientin Null“ in der Corona-Quarantäne steckte, wusste damals ausserhalb der Stadt Wuhan kein Mensch. Die Sportwelt freute sich auf den Olympiasommer in Tokio und auf die Hockey-WM in der Schweiz. Am 27. Februar hat es den Radsport erwischt: Abbruch der UAE-Tour in Abu Dhabi. In einem Team fuhr das Corona-Virus mit. Am 15. März ging Paris-Nizza „à huis clos“ zu Ende. Seither folgte Absage auf Absage. Optimisten hoffen inzwischen auf eine Tour de France im September, Terminkonflikt mit der Strassen-WM in der Schweiz inklusive. Offen bleibt alles.

Zurück in die Köpfe der Tour-de-Suisse-Macher. Dort wühlten im Zug der erwachenden Krise die Fragen. Was, wenn es auch uns erwischt? Wie das finanzielle Desaster für die eben erst neu geschaffene Tour-Trägerschaft abwenden? Wo die langjährigen Tour-Partner sichtbar machen ohne Tour-Kolonne? In Nöten helfen Taten, und darauf konnte jetzt zurückgegriffen werden. Was die tschechischen Geeks von Rouvy für Hobbyfahrer bereitgestellt haben, wird sich wohl auch für die Profis nutzen lassen. Und mit Velon, der Plattform für Live-Daten und -Bilder aus den Radrennfeldern, pflegt man seit vielen Jahren einen intensiven Austausch.

Ein Team ums andere liess sich auf die Idee eines virtuellen Rennens mit echtem Schweiss und Schmerz auf verlinkten Rollen ein. Mit diesem Paket aus Bildern, Daten, Fahrern und einer innovativen Story für die Coronazeit waren auch die Medienpartner SRF und Blick bald an Bord. Am 26. März, zur Zeit der rundum abgesagten Flandern-Klassiker und mitten im Ringen um ein mögliches Aus für die Tour de Suisse, wurde die Weltpremiere angekündigt.

Der Rest ist nun Geschichte. Hier ein Rückblick. Und, aus der Flut von Komplimenten zu schliessen, wohl auch Teil einer neu zu gestaltenden Zukunft. Weit über Corona hinaus.

Was uns die Genesis von „The Digital Swiss 5“ lehrt? Wenn digitale Mittel im Raum der Möglichkeiten auftauchen, ist es zu spät, darüber nachzudenken. Digitalität beginnt dort, wo Menschen dem Vertrauten miss- und sich Kurioses zutrauen. Sie erfordert eine Kultur des Neu-, Quer- und Vorwärtsdenkens. Sie steckt im Kopf, nicht im Chip.


Ueli Anken, Jahrgang 1961, ist eidg. dipl. PR-Berater und arbeitete als Kommunikationsberater und -leiter in der Privatwirtschaft, in öffentlichen Institutionen, bei einem Hilfswerk und immer wieder im Sportwesen. Hauptberuflich ist er seit 2012 im Schweizer Bildungssystem tätig, heute als stellvertretender Direktor der Fachagentur educa.ch. Seit 2018 ist er zudem Medienchef der Tour de Suisse.

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