Digitale Defizite verschärfen die Krise

20. April 2020 11:55

Der Schweiz fehlt eine funktionierende digitale Grundinfrastruktur – das legt die Corona-Krise offen. Laut dem Unternehmer und Präsidenten von eGov Schweiz, Renato Gunc, muss dieses Thema ganz oben auf die Prioritätenliste, wenn die Wogen sich geglättet haben.

von Renato Gunc

Der Corona-Notstand zeigt mit brutaler Deutlichkeit gewisse Engpässe auf, bei der Versorgung mit Schutzbekleidung und Desinfektionsmitteln, aber auch in der Kommunikation und der Erfassung von Daten. Tatsächlich hat es die Schweiz bisher versäumt, eine funktionierende digitale Grundinfrastruktur inklusive Kommunikationsnetzwerk aufzubauen. Das rächt sich jetzt in mehrfacher Hinsicht:

1.
Weder Parlament noch Behörden noch viele Firmen sind in der Lage, flächendeckend digital zu operieren. Wenn Arztpraxen ihre Corona-Fälle per Fax an das Bundesamt für Gesundheit BAG liefern müssen, hinken wir wirklich schwer nach. Ebenso, wenn die Zahlen der Erkrankten und Verstorbenen der Kantone nicht mit denen des Bundes übereinstimmen, weil es keinen standardisierten, automatischen Informationsfluss zwischen Kantonen und dem Bund gibt. Noch ein anderes Beispiel: In der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zürich müssen Gesuche um Kurzarbeit manuell abgetippt werden, was zu massiven Verzögerungen führt. (Anm. d. Red. Inzwischen steht ein elektronisches Formular zur Verfügung.)

2.
Es ist nicht möglich, dass Behörden Kontakte mit Bürgern über eine gesicherte Maildresse aufnehmen. Jeder hat eine Wohnadresse, aber bei den E-Mails herrscht Wildwuchs. Eine standardisierte, gesicherte Mailadresse würde einen neuen, effizienten Kommunikationskanal eröffnen. Sie könnte auf der AHV-Nummer basieren (z.B. AHV-Nummer@ahv.ch), was einfach und billig einzurichten wäre. Eine Behörde, zum Beispiel die Zentrale Ausgleichsstelle ZAS, würde die Mail-Adressen ausstellen und verwalten. Bliebe noch die Verifizierung von Person und Adresse. Aber das wäre kein unüberwindbares Hindernis; schliesslich gibt es Methoden zur Verifizierung, wie sie etwa Banken oder Online-Händler anwenden.

3.
Da noch immer keine standardisierte, allgemein akzeptierte elektronische Identitätskarte (E-ID) existiert, bleibt es schwierig bis ausgeschlossen, gewisse Verträge digital abzuschliessen.

Wenn einmal die Normalität zurückkehrt, müssen wir uns intensiv und dringlich um Digitalisierung kümmern, gerade auch als Vorbereitung auf eine nächste mögliche Krise. Eine flächendeckende digitale Infrastruktur würde Informationsflüsse bündeln und beschleunigen. Dank KI-Technologie könnten Informationsauswertungen präzisiert und plausibilisiert werden und Behörden und Firmen als wertvolle Entscheidungshilfen dienen. Eine digitale Infrastruktur würde auch Vertragsabschlüsse erleichtern. Digitale Sitzungen würden effizienter und kürzer ausfallen als physische Zusammenkünfte und trügen erst noch zum Umweltschutz bei, weil man nicht für jedes Treffen nach Bern fahren oder nach New York jetten müsste.

Renato Gunc ist diplomierter Telematiker und besitzt einen Abschluss in Europa- und Wirtschaftsrecht der Universität Bern. Gunc präsidiert eGov Schweiz - Verein für Innovationen im E-Government. Er verantwortet bei der PEAX AG den Geschäftsbereich Vertrieb und Business-Development. Zuvor war er CEO bei SIX Paynet AG und im Post-Konzern engagiert. Er befasste sich mit E-Health, E-Government und dem Aufbau einer schweizweiten digitalen Identität (SwissID).

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