Die Rücknahme – eine Kamingeschichte aus dem Tessin

20. April 2020 11:46

Der Autor Adrian Naef beobachtet im Tessin zu Corona-Zeiten ein Verschiebung der Macht. Ihm scheint, als sei der Kaiser da, auf der Durchreise von Italien: Dieser zeige den Königen, wer das Recht zum Richten habe – mit ungewisser Aufenthaltsdauer.

von Adrian Naef

Camanoglio, März 2020. Ein Thema war es länger schon, aber seit einer Woche greift es in unseren Alltag ein: Das Virus ist angekommen, im hintersten Tal, ausnahmslos bei jedem, bei jedem bei uns im Haus auf dem Berg, im kleinen Lebensmittelladen, im Nachbardorf, der Tankstelle, der Post. Auch die Kinder – sogar die jüngsten zwei – wundern sich, wie eigenartig wir uns jetzt bewegen und über etwas sprechen, das neuerdings offenbar alles bestimmt.

Sogar bei den Wildtieren in den Wäldern rundum ist es angekommen. Sie kommen ins Dorf, von allen Seiten her, als forderten sie zurück, was wir ihnen genommen haben. Seitdem die Flugzeuge ausbleiben, die Autos nicht mehr blenden, die Motoren schweigen, kommen sie heran, traben über den Dorfplatz, trinken am Brunnen. Die Marder platzieren Häufchen vor den Türschwellen, als wollten sie schon mal ankündigen, dass sie demnächst einzuziehen gedenken. Der Fuchs trabt über die Treppe herab hinter dem Haus, bleibt stehen, schaut kurz in unsere Küche herein und trabt weiter.

Gestern hat ein Wolf – oder war es ein Bär? –, der über die nahe Grenze kam, ungehindert wie das Virus aus Italien eine verirrte Ziege gerissen. Früher wäre er DIE Schlagzeile gewesen, jetzt heisst sie CORONA. Unsere Kinder fanden den kopflosen Torso, vielmehr nur noch ein Gerippe unter Fell im Wald unterhalb unseres Hauses. Die Füchse  hatten es noch ganz ausgeweidet und die Knochen rundum verstreut, wie sie neuerdings nachts unseren Kompost zerteilen und verstreuen. Täglich sind sie näher gekommen, zu Lande zu Wasser und durch die Luft: Die Frösche sind schon da im Gras, durch den verfrühten Frühling aufgeweckt, die Raubvögel kurven nahe übers Dach und spähen nach unseren Tauben im Schlag, Hirsche, Gämsen und Rehe stehen auf dem Parkplatz vor dem Skilift, als wollten sie ein Billett kaufen.

Der Mythos könnte lauten: Am Anfang war das Virus, kam aus dem All, züchtete Pflanze und Tier ihm zur Nahrung, züchtete Menschen und liess sie glauben, Götter zu sein, damit sie herrschten, sich vermehrten und den Planeten mit ihren Projekten überzogen. Aber die Menschen vergassen in ihrer Hybris, dass sie bloss Wirte waren, Pächter, die dem Besitzer zu gehorchen haben, sollte er dereinst anklopfen, um zu prüfen, was inzwischen geworden war. Und es ist viel geworden inzwischen. Zu viel?

Nun ist er da. Nun ist ES da. Geschlechtslos, ein Code bloss, in etwas Eiweiss gehüllt, ein Wille aus dem All, hergeflogen in einem Stein, damit alles beginne und wohl auch mal ende, wer weiss es, es ist im Code eingeschrieben, den kein Whistleblower entschlüsseln kann und jemals wird, ist auch er doch Teil des Codes und nicht der grosse Wille dahinter, den einige Gott nennen und andere sogar duzen, als wäre er bloss der Nachbar nebenan mit seinem Hipster-Bart.

Oder es ist, als sei der Kaiser da, auf der Durchreise von Italien, und zeige den Königen wieder einmal, wer das Recht zum Richten hat. Genau hier kam er durch, aus Sizilien, im 12. Jahrhundert, über unseren Pass, der grosse Friedrich, mit Kamelen – Tiere, die unsere Tessiner und Urner noch nie gesehen hatten –,  nahm da, schenkte dort, sprach das Wort, dass es gelte.

Auch das furchtlose Kamel, das Lama, das hier jetzt die Schafe hütet rundum und jenem Wolf mit Sicherheit einen Fusstritt versetzt hätte, kommt neuerdings zum Dorfbrunnen und schaut sich um, als wolle es demnächst einziehen in eines der Ferienhäuser, die jetzt leer stehen.

Wie auch immer – ES ist angekommen, und niemand weiss, wie lange es ihm beliebt zu bleiben.

Und wie immer, wenn ein Besitzer anklopft – es wäre uns lieber, er würde bald wieder gehen.

Adrian Naef, Jahrgang 1948, ist Autor und lebt in Zürich sowie in den Tessiner Bergen. Nach dem Studium der Ökonomie/Phil.I arbeitete er in der Jugend- und Erwachsenenbildung, als Spital-Pädagoge und Redaktor.

 

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