Die drei Wellen der 2020er-Krise

22. Mai 2020 07:22

Erkennen wir das historische Momentum dieser Corona-Zeit? Vielleicht noch nicht, sagt Entrepreneur Christian Häuselmann. Doch er rechnet mit einer mentalen dritten Welle, in der wir uns persönlich entscheiden müssen, für welche Werte und Visionen wir einstehen.

von Christian Häuselmann

Diese Krise in den ersten Monaten des Jahres 2020 ist anders. Irgendetwas stimmt nicht. Als 68-er habe ich den Vorteil, bereits drei grosse Krisen bewusst miterlebt zu haben: die Börsenkrise 1987 mit dem Schwarzen Montag, der Dotcom- und Terrorkrise 2000/2001 und die Finanzkrise 2008/2009. Jede dieser hinter uns liegenden Krisen hatte ihre eigenen Auslöser, ihre eigene Logik in der dramatischen Entwicklung und in der anschliessenden Erholung.

Doch diese Krise ist anders. Alles Recherchieren hilft nichts – wir werden erst in den nächsten Monaten und Jahren diese Situation und die rasend schnellen Entwicklungen besser verstehen und einordnen können.

Nach heutigem Wissen gehe ich davon aus, dass diese Krise in drei Wellen ablaufen wird:

  • der gesundheitlichen Welle – da sind wir bereits voll drin,
  • der wirtschaftlichen Welle – diese startet gerade erst richtig,
  • der mentalen Welle – diese ist noch nicht genügend auf dem Radar. 

Realistischerweise ist anzunehmen, dass sich die erste und zweite Welle wiederholen werden, vielleicht bereits im Herbst 2020. Das würde die dritte Welle umso stürmischer werden lassen.

Mit dieser dritten Welle – der mentalen Welle – meine ich nicht die Psychologie der Hamsterkäufe, des Aktienmarktes, der Hüttenkoller-Symptome durch das erzwungene Zuhausebleiben, oder der tragischen Suizide unter den hart geforderten Pflegepersonen. Und auch nicht die motivierenden und kreativen Beispiele der neuen Solidarität unter Menschen, die sich vorher fremd waren. Wir erleben hautnah das alte Erfolgsrezept der ländlichen Gegenden und Bergregionen mit ihren knorrigen Charakteren: Jetzt ist Zusammenhalten und Gemeinschaft gefragt.

Das alles beschäftigt mich zwar sehr. Aber nein. Ich frage mich, was in zwei bis drei oder gar in zehn Jahren sein wird. Wenn wir mehr Wissen und Transparenz haben werden in Bezug auf die wahren Fakten dieser Krise. Wenn wir erstmals richtig erkennen werden, wer die grossen Gewinner und Verlierer dieser Krise sind. Wenn wir wohl auf die harte Tour lernen werden, was Beat Kappeler in seiner NZZ-Kolumne vom 16. März 2020 zum Thema „Die perverse Welt der Negativzinsen“ präzis auf den Punkt bringt. Die weltweiten Notenbanken schwenken mit ihren Geld-Druck-Programmen und Negativzinsen die Abrissbirne. Sie sind dabei, drei Säulen der Zivilisation zu zertrümmern: Staatsbonität, Regelvertrauen und Geldwert. Diese Kappelersche Abrissbirnen-Formel können wir uns einprägen:

Negativzinsen + Gelddrucken = Zivilisation – (Staatsbonität + Regelvertrauen + Geldwert).

Die seit der Finanzkrise 2008/2009 gefestigte Form des heutigen Kapitalismus ist der perverse Höhepunkt des Maximierens der privaten Gewinne, und des Tragens der damit entstehenden Kosten durch die Allgemeinheit. Historisch interessierte Personen wissen, dass jede zu stark auseinanderdriftende Entwicklung mit meist kriegerischen Revolutionen von unten korrigiert und wieder neu ausbalanciert wird.

Mit der dritten Welle – der mentalen Welle – werden wir uns fragen: Was ist passiert, haben wir die Chancen erkannt, haben wir sie genutzt? Oder haben wir sie verpasst, an uns vorbeiziehen lassen? Haben wir die gelbe Karte an die Menschheit verstanden? Haben wir die bewährten, widerstandsfähigen, dezentralen Strukturen und regionalen Wertschöpfungsketten gestärkt? Haben wir lokale Kreisläufe wieder schliessen können? Haben wir langfristig orientierten Sinn in der täglichen Arbeit und unseren Leben entdeckt?

Es liegt an uns allen, sich solche Fragen zu stellen. Wir können diese wilden Monate nutzen, um uns für einen sehr persönlichen Weg zu entscheiden und entsprechend zu handeln. Für welche Visionen und Werte stehen wir ein, welche Zukunft wollen wir, wo und für wen setzen wir täglich unsere Energie und Kreativität ein. Mit dieser Krise haben wir wohl eine historisch einmalige Chance. Packen wir sie!


Christian Häuselmanns Passion als Ökonom, Innovator und Serial Entrepreneur ist das langfristige Handeln von Menschen und Firmen. Unter anderem hat er die Zukunftsinitiative Schweiz2291 – 1000 Jahre Schweiz lanciert.

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