Der Ort ist ein Ort ist ein Ort

17. Juli 2020 08:11

Ist Kunst, die in Metropolen entsteht, automatisch besser? Nein, natürlich nicht, schreibt Michael Lünstroth. Warum es Zeit wird, mit der Verklärung des Urbanen und der Geringschätzung des Regionalen aufzuhören.

von Michael Lünstroth

Städte sind grossartig. In ihnen pulsiert das Leben, sie sind Knotenpunkt für unzählige Begegnungen, Ausgangspunkt für zahlreiche Romane, Filme, Kunstwerke und Sehnsuchtsort für alle, die von einem aufregenden Leben träumen. Das vermutet man eben eher in Berlin als in Frauenfeld. Der Grossstadt-Sog hält die Welt in Atem: Aktuell leben fast 54 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, bis ins Jahr 2050, so prognostizieren es die Vereinten Nationen, wird diese Zahl auf 68,4 Prozent steigen.

Wer so populär ist, der neigt auch manchmal zu Überheblichkeit. Städter blicken oft eher etwas mitleidig auf Menschen, die in der so genannten Provinz leben. Das lag oft auch daran, dass viele Entwicklungen und Trends von Städten ausgingen und dann manchmal erst Jahre später in den Dörfern ankamen. Aber spätestens durch die Digitalisierung wurde dieser Gegensatz von Stadt und Land aufgehoben. Heute kann jeder, der will, in Echtzeit an weltweiten Trends, Moden, Denkweisen teilhaben. Dazu braucht es nur ein Smartphone. Ob man das in Arbon oder New York benutzt, spielt eigentlich keine Rolle mehr. Nicht der Ort, in dem man wohnt bestimmt das Denken, sondern das Denken bestimmt das Denken.

Absurd: Als bestimmte der Produktionsort die Wertigkeit der Kunst

Trotzdem wird selbst in der sonst als so offen und progressiv geltenden Kulturszene, der alte Stadt-Land-Gegensatz weiter munter gepflegt. Man sieht das zum Beispiel daran, dass Verlage und Medienhäuser ihre regionalen Kulturseiten ausdünnen oder ganz einstellen, weil sie sich lieber auf die grossen Häuser in den Zentren konzentrieren wollen. Oder auch daran, dass Veranstalter ein Festival mit ausschliesslich regionalen KünstlerInnen ernsthaft „Kulturfestival light“ nennen.

Als wäre Kunst, die in, sagen wir Kreuzlingen, entstanden ist, per se leichtgewichtiger und schlechter als solche Kunst, die mit dem coolen Stadtlabel von Los Angeles daher kommt. Als bestimmte der Produktionsort der Kunst ihre Wertigkeit. Eine absurde Vorstellung, die sich sehr zäh hält.

Dabei gibt es doch seit Jahrzehnten zahlreiche Gegenbeispiele. Die Gruppe 47, der wahrscheinlich einflussreichste Schriftstellerclub der deutschen Nachkriegszeit, wuchs aus der Provinz. Städtchen wie Murnau und Kochel waren für die Blauen Reiter um Franz Marc und Wassily Kandinsky essentiell. Im Tessin wurde schon Anfang des 20. Jahrhunderts ein Hügel bei Ascona zum Monte Veritá erhoben: Tanz und Malerei wurden hier prominent gepflegt.

Wie Kunst und Dorf zusammenfinden

Wer mehr Beispiele will: Dass grosse Kunst eben auch in kleinen Gemeinden entstehen kann, zeigt eindrücklich das 2013 von Britta Polzer herausgegebene Buch „Kunst und Dorf. Künstlerische Aktivitäten in der Provinz“. Einer der Autoren des Buchs ist übrigens Alex Meszmer vom Transitorischen Museum Pfyn. Mit der Aktion „Kulturhauptstadt Pfyn“ hat der Thurgauer 2011 und 2012 auch praktisch vorgeführt, wie kraftvoll die Melange aus Kunst und Dorf sein kann. Im vergangenen Jahr widmete er eine Jahrestagung des europäischen Netzwerkes „Culture Action Europe“ dem Thema „Kultur im ländlichen Raum“.

Alex Meszmer war vielleicht einer der Ersten, inzwischen ist er im ländlichen Thurgau aber längst nicht mehr der einzige, dem es gelingt Kunst und Dorf zu versöhnen. Man muss sich nur in jedem Jahr die Liste der Förderbeitrags-GewinnerInnen des Kantons anschauen. Jedes Jahr aufs Neue findet man dort aussergewöhnliche KünstlerInnen, die sich mit ihren Arbeiten vor niemandem zu verstecken brauchen. Dasselbe gilt im Übrigen für zahlreiche Kulturorte in der Region. Das Presswerk in Arbon, der Kunstraum in Kreuzlingen, das Haus zur Glocke (Steckborn) das Theater Jetzt (Sirnach) oder die Theaterwerkstatt Gleis 5 müssen den Vergleich mit ihren grossstädtischen Kollegen nicht scheuen.

Nicht die Herkunft sollte entscheiden, sondern die Qualität

Klar: Was gute Kunst ist und was nicht, ist oft strittig. Was hingegen nicht strittig sein sollte, ist dass nicht der Ort des Entstehens darüber entscheidet, sondern einzig die Qualität des Werkes.

 

Michael Lünstroth (42) ist Redaktionsleiter beim Kulturportal thurgaukultur.ch, freier Autor für verschiedene Medien und Lehrbeauftragter an der Universität Konstanz. Sein letztes Seminar trug den Titel: „Fakten statt Fake News: Wie Journalisten wirklich arbeiten (sollten)“.

Der Text ist zuerst im Kulturportal thurgaukultur.ch erschienen.
 

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