Das liebe Geld

12. Juni 2020 07:21

Geld wurde vor tausenden Jahren als Tauschmittel erfunden. Jetzt verliert das liebe Geld seinen Sinn und Wert, auch als Erfolgsmassstab. Und zwar ziemlich rassig. Unternehmer Christian Häuselmann fragt sich, welche neuen Währungen diese Funktionen künftig übernehmen könnten.

von Christian Häuselmann

Politik und Notenbanken, bisher aus gutem Grund strikte getrennt, spannen zusammen. Massiv orchestrierte Gelddruck-Programme sollen drohende Wirtschaftskrisen abwenden. Wir brauchen Geld, also drucken wir Geld. Rein ökonomisch ist dies natürlich etwas komplizierter, aber das ist der Mechanismus. Wer Gold braucht, druckt sich Gold. Wer ein Pferd braucht, druckt sich aus dem Nichts ein Pferd. Das heisst: Geld wird wertlos. Auch die unternehmerische Leistung, mit echter Arbeit und Innovationskraft echtes Geld zu verdienen, wird abgewertet.

In einem ersten Schub wurden auf Mitte April 2020 weltweit über 8'000 Milliarden an Geld gedruckt. Das sind immerhin 8 Millionen Millionen. Seither überschiessen sich die Gelddruck-Programme richtiggehend, per Ende Mai 2020 ist keine verlässliche Gesamtzahl mehr zu finden. 750 Milliarden hier, 1’350 Milliarden da, 3’000 Milliarden dort – die Anzahl der diskutierten Nullen und der angeschlagene Takt sind bemerkenswert. Zahlen aus China sind in diesen Summen nicht enthalten, wie üblich sind keine transparenten Informationen verfügbar. In der Schweiz wurden innert knapp drei Monaten rund 60 Milliarden neue Staatsschulden gemacht. Die Rückzahlung dauert nach ersten Berechnungen 30 Jahre. Ein feines Geschenk an unsere Enkelkinder, mit Liebe eingepackt und überreicht als Gesamtpaket zusammen mit der ungelösten Rentenfinanzierung, den ungedeckten AKW-Rückbaukosten und den Kosten zur Klimawandel-Schadensbegrenzung.

Nebst dem unbeschränkten Gelddrucken erfreuen wir uns seit der Finanzkrise 2008/09 – ausgelöst durch gierig gewordene Menschen im Banken- und Immobiliensektor – einer weiteren intelligenten Geld-Innovation: der Negativzinsen. Negativzinsen heisst: Wer Geld braucht, bekommt es kostenlos und – aus Dankbarkeit, dass es genommen wird – gibt es noch etwas Kleingeld obendrauf. Das ist so praktisch wie absurd. In der ganzen Geschichte der Menschheit hat es einen solchen Mechanismus noch nie gegeben.

Das unbeschränkte Gelddrucken und die surrealen Negativzinsen zeigen sehr reale Wirkungen. Die Börsen schiessen dank den aktuellsten Geldspritzen auf neue Allzeithochs zu. In Amerika sind zwar 40 Millionen Menschen arbeitslos, jede vierte erwerbstätige Person. Das scheint in den Aktienkursen gut eingepreist zu sein. In Deutschland ist Ende Mai sogar Wolfgang Schäuble eingeknickt, einer der glaubwürdigsten Wirtschafts- und Finanzpolitiker in Europa. Er unterstützt jetzt die Bundskanzlerin Angela Merkel im historischen Entscheid, dass sich Deutschland – also die deutschen Bürgerinnen und Bürger – direkt an der EU Schuldenwirtschaft beteiligt. Offen bleibt, ob Schäuble die Vorteile der sogenannten Neuen Ökonomischen Realität mit der unbeschränkten Verschuldung auf den Ebenen Staat, Unternehmen und Privatpersonen erkannt hat, oder ob dies eher als Verzweiflungsakt einzuordnen ist.

Privatpersonen fragen sich, was dies für ihre eigenen Anlagestrategien und die persönliche Vorsorge heisst. Für Unternehmende ist die Botschaft klar: Wer finanzielle Höchst-Risiken eingeht und sich so aufbläht, dass er sich bei den systemrelevanten Organisationen einreihen kann, wird bei einem drohenden Bankrott fast mit Sicherheit vom Staat und damit den Steuerzahlenden gerettet. Weil sonst das ganze Kartenhaus zusammenbricht. Darauf können jetzt die Verwaltungsräte, die Manager und die ganze Finanzindustrie ihre Wetten ausrichten.

Wir alle wissen, dass der Spruch unserer Eltern und Grosseltern nach wie vor stimmt: Gib nur den Franken aus, den Du ehrlich verdient hast. Nicht sehr sexy, aber wahr.

Hier vier Fragen, zum Anstossen einer kreativen Diskussion:

  1. Was soll die neue Währung sein, mit der wir Erfolg messen?
  2. Welche Geldform wird in Zukunft entstehen, die wieder ausschliesslich dem ursprünglichen Zweck als Tausch- und Zahlungsmittel dient?
  3. Wie bewerten wir Sinn, Vertrauen, Integrität und Zufriedenheit?
  4. Und wie trainieren wir die junge Generation, damit sie in Zukunft die harten Entscheide treffen kann, die wir heute einfach nicht zu treffen imstande sind?

Wir bleiben dran.


Christian Häuselmanns Passion als Ökonom, Innovator und Serial Entrepreneur ist das langfristige Handeln von Menschen und Firmen. Unter anderem hat er die Zukunftsinitiative Schweiz2291 – 1000 Jahre Schweiz lanciert.

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