Das Lehrstück Boeing

22. Juli 2020 17:28

Wenn Unternehmen auf Rendite getrimmt werden statt auf Technologieführerschaft, dann leiden am Ende die Qualität der Produkte – und damit auch das Unternehmen selbst. Das zeigt das Beispiel Boeing, schreibt Christian Häuselmann.

von Christian Häuselmann

Boeing im Nordwesten Amerikas war über Jahrzehnte eine innovative Industrieperle, die regelmässig neue Standards in der Luftfahrt setzen konnte. Ein Technologie-Innovator der alten Schule. Im Zeitraum Oktober 2018 bis März 2019 fallen plötzlich innert nur fünf Monaten zwei ihrer neusten Produkte vom Himmel, die Abstürze fordern hunderte Todesopfer: die maximale Katastrophe für alle Beteiligten. Die Untersuchungen konzentrieren sich rund um das digitale Steuerungssystem MCAS (Maneuvering Control Augmentation System). Seither ist Boeing sprichwörtlich am Boden. Ende April 2020 wurde die Entlassung von 12'000 Mitarbeitenden angekündet, dies entspricht fast 8% der Belegschaft.

Was ist passiert? Hier ist eine Spur. In den letzten zehn Jahren wurden bei Boeing rund 50 Milliarden US Dollar in Dividenden, Saläre und Boni des obersten Managements sowie Aktienrückkaufprogramme investiert. Der Wind hat von Technologieführerschaft auf gierige Finanzrendite gedreht. Boeing ist dabei keineswegs ein Einzelfall und in guter Gesellschaft. Offensichtlich wurden in dieser Zeitspanne in der amerikanischen Luftfahrtindustrie 96 Prozent des freien Cash-Flows mit diesen drei Instrumenten - Dividenden, Saläre und Boni des obersten Managements, sowie Aktienrückkaufprogramme - aus den Firmen hin zu Investoren und sogenannten Top-Managern geschleust! Für die Firmen selbst blieben ganze 4 Prozent übrig. So kann kein Unternehmen langfristig überleben. 

Die zentrale Frage ist: Wer löste bei Boeing diese Entwicklung aus? Sind es die leidenschaftlichen Ingenieurteams, welche die weltbesten Flugzeuge bauen wollen? Sind es die Manager, deren wichtigste Kennzahl zum Messen von Erfolg sich auf die Höhe ihrer jährlichen Bonuszahlung reduziert hat? Oder sind es die mächtigen Investoren, welche im Hintergrund die strategischen Fäden ziehen? 

Es scheint, dass heute die beiden grössten Vermögensverwalter der Welt, darunter Blackrock, gemeinsam durchschnittlich gut 20% der weltweit 500 grössten börsenkotierten Firmen besitzen. Das bedeutet bei solch grossen Firmen praktisch die entscheidende Stimme. Einziger Auftrag dieser Vermögensverwalter ist, aus Geld mehr Geld zu machen für sich selbst, und für ihre Kunden. 

Warum ist Boeing abgestürzt? Man rechne. Und schliesse daraus die richtigen Schlüsse für die eigenen Strategien und Arbeiten.

 

Christian Häuselmanns Passion als Ökonom, Innovator und Serial Entrepreneur ist das langfristige Handeln von Menschen und Firmen. Unter anderem hat er die Zukunftsinitiative Schweiz2291 – 1000 Jahre Schweiz lanciert. Try longterm. 

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