Danke, Corona!

17. April 2020 07:25

Die Regisseurin Rebecca Panian sieht die Corona-Krise als Chance – für die Natur, aber auch für die Menschen. Die Umstände geben laut Panian Anstoss zu Veränderungen und die perfekte Gelegenheit, um neu über das Grundeinkommen zu diskutieren. 

von Rebecca Panian

Bitte nehmen Sie mir den Titel nicht übel – Sie, die Sie vielleicht gerade zuhause krank im Bett liegen oder jemanden pflegen oder um jemanden bangen. Auch möchte ich niemandem auf die Füsse treten, der gerade um das Überleben seines Geschäfts oder Restaurants zittern muss. Ich kann aber schlicht nicht anders, als dem Virus aus tiefstem Herzen zu danken für die Entschleunigung, die es mit sich brachte, denn sie war so bitter nötig. Nicht nur für die Menschheit, sondern vor allem auch für die Natur. Ich höre die Erde fast schon jubeln: „Endlich sind die Menschen weg.“ 

Mir ist bewusst, dass ich mich in einer komfortablen Situation befinde: Ich habe keine Kinder, die ich „homeschoolen“ muss. Und an Homeoffice habe ich mich längst gewöhnt, seit ich mein Leben umgekrempelt habe: weg von viel verdienen, Vollzeit arbeiten und fürs Alter sparen, hin zu von wenig Geld leben, dafür viel Zeit haben für Menschen und Projekte, die mir wichtig sind und – im Hier und Jetzt leben und auf meine Gesundheit achten, anstatt alles aufs Alter zu schieben.  

Momentan lebe ich von Fördergeldern für die Entwicklung eines Dokumentarfilms (über das bedingungslose Grundeinkommen und wie wir in Zukunft leben wollen). Und das ist der zweite Grund, warum ich Corona dankbar bin: dass die Diskussion rund um das Grundeinkommen wieder Fahrt aufnimmt, denn jetzt spüren die Menschen, warum es sinnvoll wäre. Sie hätten eine finanzielle Absicherung und müssten sich, neben der Angst vor einer Ansteckung, nicht auch noch mit Existenzängsten rumschlagen. Natürlich reicht mein Geld nicht ewig, aber die nächsten sechs Monate kann ich sicher meine Miete zahlen und essen. 

Diese Existenzsicherung lässt mich ruhig schlafen und arbeiten und gibt mir Raum, mich sachlich zum Virus zu informieren und dementsprechend nicht in Panik zu verfallen. Und das finde ich zentral, denn „Menschen in Panik“, das kommt selten gut. Dann gilt nur noch Flucht, Angriff oder sich tot zu stellen.

Ausserdem möchte ich Dir, Corona, dafür danken, dass Du so viele Menschen zu unglaublicher Kreativität und Solidarität inspirierst und damit beweist, dass die meisten Menschen es schwerlich aushalten, nichts zu tun! Welche Innovation und Energien würden erst freigelassen, wenn die Menschen ein Grundeinkommen hätten? Auch zeigst Du ganz klar, welches die wirklich wichtigen Berufe sind, die unsere Gesellschaft am Laufen halten. Danke dafür.

De facto sollten wir alle dankbar sein, dass wir mit diesem Virus die Chance erhalten, umzudenken. Es hätte auch eine Umweltkatastrophe von unvorstellbarem Ausmass sein können, denn die Klimakrise ist beileibe nicht vom Tisch. Nur so am Rande. 

Wir sollten diese Chance zur Veränderung nutzen, denn wir sind zu so viel mehr fähig. Das Grundeinkommen könnte ein Schritt in eine neue Zukunft sein. Und es ist finanzierbar, wenn wir akzeptieren, dass die technologischen Errungenschaften, Erfindungen und Bodenschätze unser aller Erbe sind und wir dementsprechend eine Dividende zugute haben – ein Grundeinkommen. Wir können die Realität verändern, wenn wir wollen. Das spüren und sehen wir in Zeiten von Corona besser denn je. 

Rebecca Panian ist Schweizer Regisseurin und Autorin, die zuvor unter anderem als TV-Redaktorin arbeitete. Ihr erster Kinodokumentarfilm „ZU ENDE LEBEN“ kam im April 2015 in die Schweizer Kinos. 2018 startete sie das Projekt „Dorf testet Zukunft“. Weitere Informationen: http://rebeccapanian.ch 
 

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