Corona und Klima: Handeln ohne „letzte Gewissheit“ 

08. Juli 2020 08:09

Der Bundesrat hat in der Corona-Krise harte Entscheidungen getroffen, ohne letzte Gewissheit über ihre Wirkung zu haben. Die Klimakrise stellt eine ähnliche Gefahr dar, schreibt Manuel Flury-Wahlen. In der Klimakrise nicht zu handeln, wäre lebensgefährlich.

von Manuel Flury-Wahlen

Anfangs Mai war es soweit. Angelo, unser siebenmonatiger Enkel, ging erstmals in die Kita. Bis dahin hüteten wir Grosseltern ihn einmal pro Woche. Zusammen mit seinen Eltern bildeten wir einen Corona-Cluster, wir wollten unbedingt eine Ansteckung vermeiden. Mit dem Kitaeintritt von Angelo setzten wir das Hüten für einige Wochen aus. Bleiben die Betreuer*innen gesund? Wie steht es mit den Familien der anderen Kinder? Könnte Angelo das Virus in unsere Familie bringen? Werden wir damit auf einmal gefährdet? Dies waren einige unserer vielen Fragen. Die ExpertInnen konnten uns nicht mit Sicherheit darüber Auskunft geben, ob Angelo das Virus übertragen und uns anstecken kann. 

Ansteckung in der Kita?

Seit Anfang Juni und einer damals deutlich entspannten Situation hüten wir unseren Enkel wieder. Klare Antworten auf unsere Fragen haben wir zwar nicht erhalten. Wir haben keine absolute Gewissheit, was für ein Ansteckungsrisiko wir eingehen. In der Zwischenzeit haben wir uns jedoch dank vieler Informationen und Einschätzungen von Fachleuten ein Bild der Situation machen können. Wir haben lediglich von einem einzigen Kita-Ansteckungsfall gehört. Wir bleiben weiterhin aufmerksam auf die Geschehnisse um uns herum, unter Umständen müssen wir unser Bild anpassen und auch unser Hüten und das Zusammensein mit Angelo wieder verändern. 

Wie weit sollen die Behörden gehen?

Als der Bundesrat im vergangenen März den „lock-down“ verordnete, musste er dies tun, ohne exakt zu wissen, wo und bei wem sich das Virus eingenistet hat, wer in welchem Alter gefährdet ist zu erkranken, wer zu welchem Zeitpunkt ansteckend ist und wie viele erkrankte Menschen medizinisch behandelt oder gar auf der Intensivstation gepflegt werden müssen. Es ging ihm im Wesentlichen darum, die „Ansteckungskurve zu glätten“ zum Schutz des Gesundheitssystems und der Pflegenden. Der Bundesrat sah keine andere Möglichkeit, als das Leben bis auf das Überlebensnotwendige einzuschränken. Diese „Vollbremsung“ hat zum erwarteten Resultat geführt, die Ansteckungskurve flachte ab. Gleichzeitig wurden uns auch die wirtschaftlichen und sozialen Kosten dieser „Bleihammermethode“ bewusst. Der Bund alleine hat Finanzen im Bereich von 10 Prozent des jährlichen Volkseinkommens mobilisiert, die wirtschaftlichen Folgen für Angestellte und Unternehmer*innen sind noch nicht genau abzuschätzen. 

Dank unzähliger wissenschaftlicher Studien und Modellrechnungen ist in der Zwischenzeit einiges klarer geworden: Übertragungen geschehen vorwiegend in Innenräumen, oder auch: eine gezielte „Durchseuchung“ der Bevölkerung ist weder volkswirtschaftlich sinnvoll noch ethisch vertretbar. Das „tracing“ der Ansteckungsketten bleibt das A und O der Bekämpfung der Pandemie. Entsprechend dieser Erkenntnisse hat der Bundesrat seine Lockerungsstrategie beschlossen, eine schrittweise „Wiederinbetriebnahme“ des öffentlichen Lebens. Absolute, „letzte“ Gewissheit über die Wirksamkeit dieser Massnahmen besteht aber für die Behörden weiterhin nicht. 

Klarheit, bitte!

Klarheit zu haben darüber, was um uns herum geschieht, zu wissen, was die Ursachen von Geschehnissen sind, ist für uns wichtig. Wir wollen in Gewissheit leben. Wir suchen Erklärungen bei Fachleuten oder uns vertrauten Personen und Organisationen, wobei wir dazu tendieren denjenigen Erklärungen und Fachleuten Glauben zu schenken, die unseren Sichtweisen am meisten entsprechen. Wir erfahren jedoch immer wieder, dass wir auf viele Fragen keine befriedigenden, eindeutigen Antworten erhalten. Wir müssen als Einzelpersonen oder als Gesellschaft Entscheide ohne „Expertise“ sozusagen „in Unsicherheit“ treffen. Soll ich jetzt eine Hygienemaske anziehen, wenn ich am Samstagvormittag auf den Wochenmarkt gehe, ohne zu wissen, wer mich anstecken könnte? Welche (tiefe) Ansteckungsrate für COVID 19 sollen die Behörden anstreben, damit eine zweite Ansteckungswelle noch unter Kontrolle bleiben kann und gleichzeitig das wirtschaftliche und soziale Leben nicht noch einmal stark leidet? 

Was uns die Pandemie lehrt, ist wichtig für die Bewältigung der Klimakrise

Die Pandemie lehrt uns, ohne Gewissheit und ohne volle Klarheit Entscheide zu treffen, sowohl als Einzelpersonen auf dem Wochenmarkt zum Maskentragen oder als Gesellschaft, wenn es um die Wiedereröffnung von Schulen, Restaurants oder gar Clubs geht. Diese Erfahrungen sind wichtig für den Umgang, speziell in Zeiten der Klimakrise. Wir wissen, dass die CO2-Emissionen auf netto Null gesenkt werden müssen. Wir wissen auch, dass dies möglichst rasch – und nicht erst 2050 – geschehen muss. Eine Erwärmung der Atmosphäre von 1,5 Grad, so die Wissenschaft und die Politik, soll „verkraftbar“ sein. Die Gesellschaft lebt im Moment jedoch auf einem deutlich „wärmeren“ Pfad. Wir wissen nicht, welche Wirkung technologische Innovationen bringen. Handeln ist also mehr als dringend.

Was wir in der Pandemie gelernt haben ist jedoch: Abwarten ohne zu Handeln ist überlebensgefährlich! Ohne Entscheide für einen „lock-down“ hätte das Gesundheitssystem nicht überlebt und wären viel mehr Verstorbene zu beklagen. Nur Handeln – ohne Gewissheit - gibt uns Grundlagen um zu verstehen, ob und nach welchem Muster sich das Klima und das Leben dabei verändern und welche weiteren Massnahmen sinnvollerweise getroffen werden müssen! 

Die Erde benötigt einen Mundschutz, und zwar jetzt, ohne „letzte“ Gewissheit!

 

Manuel Flury ist ausgebildeter Geograph, pensionierter Mitarbeiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und Grossvater. Er bleibt an allen Zukunftsfragen interessiert, ist Berater in Fragen der Internationalen Zusammenarbeit und einer sozial und ökologisch verantwortlicheren Schweiz.

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