Brennende Fragen vor dem nächsten Sommer

15. Mai 2020 07:52

Der Bauboom ist ungebrochen – es wird geteert, betoniert, auch bepflanzt. Aber die Biodiversität und das Wohlergehen der Bevölkerung in immer heisseren Städten werde grossteils ignoriert, sagt Urs Aerni. Der Journalist und Feldornithologe fordert mehr Verantwortung.

von Urs Aerni

Die Gemeinderätin der Stadt Zürich, Simone Hofer Frei und der Altkantonsrat Andreas Honegger machten sich in der gleichen Ausgabe im „Tabglatt der Stadt Zürich“ vom 22. April 2020 ähnliche Sorgen über die anhaltende Trockenheit und die mögliche Aussicht auf einen weiteren Hitzesommer, der für die urbane Region Zürich eine Herausforderung werden wird. Beobachtungen auf die baulichen Entwicklungen von Dietikon bis Wallisellen, von Zürich West bis Zürich Nord und von Utikon-Waldegg bis Kloten nötigen uns folgende kritischen Fragen ab, die sich Immobilienunternehmen, Architekturbüros und zuständige Behörden im Bereich Hochbau und Grünabteilung gefallen lassen müssen:

Warum wurden und werden nach wie vor riesige Flächen geteert oder betoniert wie beispielsweise die Europa-Allee oder der neue Tramhalteplatz in Schlieren? Die Böden werden versiegelt, Regenwasser versickert nicht dezentral, sondern fliesst konzentriert in Kanäle und Leitungen, was besonders bei Gewitter und Starkregen zu einer Belastung wird.

Wieso werden Hauseigentümerinnen und Privatgärtner nicht vermehrt sensibilisiert, auf Rasen, Thujahecken und exotische Zierpflanzen zu verzichten, zugunsten einheimischer Pflanzen, Blumenwiesen und strukturreichen Gärten?

Warum werden bei Neuüberbauungen praktisch nur Monokulturen an Bäumen gepflanzt, wie in Uitkon-Waldegg, Oerlikon oder Opfikon? Reihenweise Ahorn oder Birken bieten vielleicht auf dem Reissbrett ein „nettes“ Bild, aber solch monotone Pflanztechnik zeugt von wenig biologischem Wissen, fördert gegenseitige Schwächung durch Nahrungs- und Wasserbedarf sowie eine Anfälligkeit für Schädlinge, die somit von Wirt zu Wirt hüpfen können. Während die Forstwirtschaft langsam zur Einsicht kommt, dass Mischwälder sinnvoller sind als Monokulturen, ist von dieser Einsicht bei Planungen der urbanen Bepflanzungen nichts bis wenig zu spüren.

Wieso wird die Vertikal- und Dachbegrünung scheinbar doch noch zaghaft angegangen, trotz wissenschaftlicher Erkenntnis, dass dadurch nicht nur die Artenvielfalt unterstützt wird, sondern auch die Kühlung der Stadt in heissen Sommern?

Warum wird nicht vermehrt die Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten von entsprechenden Instituten, Universitäten, Ökobüros und Verbänden wie BirdLife oder Pro Natura gesucht, vor allem in der privaten Immobilienwirtschaft?

Die Sommer werden heisser, der Bauboom ist ungebrochen und immer wieder protestieren da oder dort Menschen gegen die Abholzungen von alten Bäumen oder Alleen. Egal, welcher politischen Gesinnung die Gemeinde- und Stadtregierungen gerade unterstehen, sie alle tragen gerade jetzt eine Verantwortung, deren Auswirkung die nächste Generation erleben wird.
 

Urs Heinz Aerni lebt und arbeitet in Zürich als freier Journalist, Literaturagent, Kulturvermittler und gibt als Feldornithologe Exkursionen.

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