Bauplan für eine resiliente Gesellschaft

20. Mai 2020 07:24

Die Corona-Krise hat unser Leben in Einzelteile zerlegt: Beziehungen, Arbeitsmodelle Freizeit- und Konsumverhalten liegen als lose Bausteine vor uns, so die These von Barbara Wülser, Co-Geschäftsführerin der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA. Jetzt hätten wir die Chance für einen neuen, zukunftstauglichen Bauplan.

von Barbara Wülser

Messungen bestätigen unsere Vermutung: Der Energieverbrauch und der CO2-Ausstoss gehen dank der Massnahmen zur Eindämmung von Sars-CoV-2 zurück. Es gibt weniger Lärm und weniger seismische Vibrationen, dafür Vogelgezwitscher und bessere Luft. Doch machen wir uns nichts vor: Das ist nicht die ökologische Wende! Wir durchleben gerade einen der wärmsten Monate seit Messbeginn und es steht ein dritter trockener Sommer in Folge vor der Tür. Damit unser post-coronales Leben und Wirtschaften gelingt, müssen wir im Zukunfts-Bauplan ökologische Aspekte ebenso stark gewichten wie ökonomische. Der Baukasten darf erweitert, schädliche Elemente müssen entfernt werden.

Es droht die Gefahr, dass Regierungen im Namen des Wiederaufbaus Milliarden in den Erhalt eines Systems buttern, das viele zu Verlierern und wenige zu Gewinnern macht – Milliarden, die für die Bekämpfung des Klimawandels versprochen wurden und dort fehlen werden. Was wir brauchen, ist eine gerechte Lastenverteilung zum Abfedern der negativen Effekte der Globalisierung, durch die diese Krisen mitverursacht wurden; die Coronakrise wie auch die Klimakrise. Die Schaffung einer globalen Governance für globale Probleme, sowohl im Gesundheits- als auch im Umweltbereich, kann nicht aufgeschoben werden.

Entscheidend ist, wie die zu erwartenden Konjunkturpakete ausgerichtet werden und welche Branchen mit welchen Kriterien gefördert werden. Das Ziel aller Massnahmen muss sein, eine resiliente Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung aufzubauen, deren Produktion und Konsum sich an den tatsächlich verfügbaren Ressourcen orientiert.

In vielen Alpenregionen gibt es bereits taugliche Lösungsansätze dafür. Vergleichsweise kurze, regionale Wertschöpfungsketten stärken die lokale Kreislaufwirtschaft und damit die Unabhängigkeit von äusseren Einflüssen. Lokale Gemeinschaften fördern das Miteinander und die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden. Freiräume und Mangel an Konsummöglichkeiten befruchten Eigenverantwortung und soziale Innovationen, sei es, indem Geräte repariert statt neu gekauft werden, sei es bei der Kinderbetreuung oder Altenpflege, sei es bei der Bewirtschaftung des letzten verbliebenen Gasthauses im Tal oder beim gemeinsam organisierten Einkauf von Lebensmitteln.

Auch technisch stehen vielerlei Innovationen parat. Sie bräuchten oft nur einen Startimpuls, wie Anschubfinanzierung oder Bedarf durch geänderte Rahmenbedingungen – wie jetzt. Es geht darum, gemeinsam positive Visionen zu entwickeln und deren Umsetzung vehement zu fordern. Dafür braucht es Vernetzung, Zusammenarbeit und Austausch von Wissen und Erfahrungen von lokal bis international. In der Corona-Krise tun sich die Nationalstaaten als Krisenmanager hervor. Diese Krise lässt sich mittels Abschottung, Medikamenten, Impfungen etc. irgendwann bewältigen. Doch der Klimawandel lässt sich nicht rückgängig machen. Der Bauplan für die Post-Corona-Zeit muss die Abwendung der Klimakrise enthalten.

Die Krise hat auch gezeigt, wie schnell wir uns anpassen können. Nutzen wir diese Lernerfahrung! Der Bauplan für die Post-Coronazeit muss die Abwendung der Klimakrise enthalten. Denn der Klimawandel lässt sich nicht rückgängig machen. Arbeiten im Homeoffice zur Eindämmung des Pendlerverkehrs, Konsum regionaler Produkte zur Stärkung der Kreislaufwirtschaft, Erkunden der Alpenregionen vor der Haustüre reduzieren nicht nur den Ausstoss von Treibhausgasen, sondern bereichern auch unseren persönlichen Erfahrungsschatz.


Barbara Wülser ist Co-Geschäftsführerin und Leiterin Kommunikation von CIPRA International in Schaan, Liechtenstein. Als Journalistin setzte sich die Bündnerin bereits davor intensiv mit Umwelt-und Gesellschaftsfragen auseinander. Die Begleitung von Veränderungs- und Entscheidungsprozessen sowohl auf Mitarbeiter- wie auch auf politischer Ebene gehören in ihrer jetzigen Funktion zu ihren Kernaufgaben.

Dieser Beitrag wurde erstmals publiziert im Newsletter alpMedia der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA.

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