Aus Pilzen wachsen Häuser

Das Produkt von Mycotech sei erstaunlich flexibel, druck- und feuerfest - und kostengünstig, sagt Mitgründer Ronaldiaz Hartantyo. Bild: Mycotech

Bandung ist die kleine Schwester Jakartas. In der Hauptstadt der indonesischen Provinz West-Java gehen die Uhren langsamer. In den Hügeln um die Stadt ist eine kleine Firma angesiedelt, mit der hier kaum jemand rechnen würde. Das Technologie-Start-up Mycotech, das hier nicht Tee, sondern Pilze anbaut. Keine zum Essen, sondern solche, aus denen Häuser wachsen sollen.

ETH Zürich unterstützt Unternehmen

Die Gründer sind Architekten, die Nachhaltigkeit in die Bauindustrie bringen wollen. Seit 2013 forschen sie an ihrem pilzbasierten Baustoff, seit 2015 sind sie offiziell ein Unternehmen. Zunächst experimentierten sie mit Unterstützung des indonesischen Forschungszentrums, wo der erste Prototyp des Materials entstand, und inzwischen auch mit Hilfe renommierter internationaler Universitäten wie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) und der Nationalen Universität Singapur. Der MycoTree, den die ETH derzeit an der Seoul Biennale for Architecture and Urbanism 2017 ausgestellt hat, wurde mit Materialien von Mycotech gebaut.

Inzwischen produziert Mycotech einen Baustoff, der auf landwirtschaftlichen Abfällen basiert und mit Pilzmycel verbunden wird. Das Mycel sind nicht die Pilze selbst, sondern das feine Geflecht im Boden, eine Art Wurzelsystem der Pilze. „Das macht unser Produkt zu 100 Prozent frei von Chemikalien“, sagt Ronaldiaz Hartantyo, einer der Gründer der Firma. Heraus käme ein erstaunlich flexibles und druckfestes Material, das haltbar und erschwinglich sei und zudem feuerfeste und wasserabweisende Eigenschaften hat.

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt

Noch wird das Baumaterial nicht in Serie produziert, sondern nur für spezifische Projekte. Das Material kann in jede beliebige Form gepresst werden. Neben Ziegelsteinen hat das indonesische Unternehmen auch schon dekorative Fliesen und Möbel aus Mycotech hergestellt. Angedacht sind auch größere Module wie Wandisolierungen, Paneele und Fertigwände. Man könne mit dem Material formen, was auch immer man wolle, sagt der Firmengründer.

Das Material herzustellen, dauert etwa einen Monat. Sägemehl wird mit verschiedenen anderen Nährstoffen gemischt, um einen optimalen Nährboden zu schaffen. Diese Mischung wird dann zusammen mit Pilzsporen in einzelne Plastiktüten gefüllt, die dicht verschlossen und in einem kühlen und dunklen Raum gelagert werden, damit die Sporen keimen können. Bevor die Sporen austreiben können, wird das Gemisch mit den neu gebildeten Pilzwurzeln zerkleinert, im Ofen erhitzt und schließlich in die gewünschte Form zum Beispiel in eine Fliese oder einen Ziegel heißgepresst.

Trend zu nachwachsenden Baumaterialien

Momentan verwendet die indonesische Firma ihr neues Material nur für den Innenausbau. Tests in unterschiedlichen klimatischen Bedingungen stehen noch aus. Doch irgendwann sollen ganze Häuser aus dem nachhaltigen Material entstehen. Dirk Hebel, Professor für nachhaltiges Bauen am Karlsruher Institut für Technologie, glaubt fest daran, dass sich nachhaltige Baustoffe wie Mycotech in der Zukunft durchsetzen werden. Der Experte, der zuvor an der ETH Zürich gelehrt und die Indonesier dort bei ihrer Arbeit unterstützt hat, glaubt, dass wir „in Zukunft eine Verschiebung hin zu gewachsenen oder kultivierten Baumaterialien erleben“ werden.

Grund dafür sei ganz einfach auch, dass „die Ressourcen für Beton rapide ausgehen“. Sand sei in Deutschland inzwischen schon knapp. „Pilzstrukturen wachsen auf biologischen Abfällen, und zwar überall, ohne in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion zu stehen, da hierfür keine Felder oder Boden in Anspruch genommen werden“, sagt Hebel.

Zudem kann pilzbasiertes Material vielfältig genutzt werden. Letzteres zeigt auch das Beispiel einer Firma in den USA. Das in New York ansässige Ecovative produziert aus einer pilzbasierten Masse nachhaltiges Verpackungsmaterial und bietet zudem eine Selbstanbau-Version für kreative Köpfe zu Hause an.  Barbara Barkhausen, Sydney