Wahre Chancengleichheit berücksichtigt ungleiche Startbedingungen
30 Juni 2025 08:13
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Haben Sie derlei auch schon gehört oder gelesen?
„Wir beobachten nicht, dass Unternehmerinnen bei der Suche nach Risikokapital Schwierigkeiten hätten; es gibt in unserer Branche einfach sehr wenige Frauen – wir tun uns schwer, überhaupt welche zu finden.
Zudem haben wir festgestellt, dass Unternehmerinnen häufig mit einer langfristigen Vision und ausgeprägter Umsetzungskompetenz überzeugen.
Meine Aufgabe ist es, Fairness und Gleichbehandlung bei der Bewertung aller Anträge sicherzustellen – Entscheidungen sollen auf Leistung beruhen und gleichzeitig gezielt Projekte mit echtem Potenzial fördern.“
Von Ablehnung zu Dialog: Warum Partnerschaften für Gleichberechtigung wichtig sind
Solche höflichen, wohlmeinenden Antworten kommen häufig vor. Und sie spiegeln ein tieferliegendes systemisches Problem wider. Zwar wächst das Bewusstsein und es gibt immer mehr Belege, doch geschlechtsspezifische Vorurteile im Ökosystem der Finanzierung werden immer noch weitgehend unterschätzt oder sogar geleugnet. Das ist keine Kritik, sondern eine Aufforderung, genauer hinzusehen und mutiger zu handeln.
Gleichheit versus Gerechtigkeit: Argumente für Fairness
Eine Bewertung anhand von Leistung ist ein wirkungsvolles Prinzip, aber Fairness bedeutet nicht immer, alle gleich zu behandeln. Wahre Chancengleichheit berücksichtig ungleiche Ausgangspunkte.
Eine einfache Analogie:
•Gleichheit: Alle erhalten die gleiche Unterstützung.
•Gerechtigkeit: Alle erhalten das, was sie brauchen, um erfolgreich zu sein.
Fakt ist: Trotz unglaublicher Talente und starker Business Cases sehen sich frauengeführte Start-ups immer noch mit unverhältnismässigen Hindernissen konfrontiert. Schweizer und internationale Daten erzählen eine einheitliche Geschichte. So zeigt beispielsweise das EY Startup Barometer 2025, dass von Frauen geführte Start-ups in der Schweiz nur 7 Prozent der Finanzmittel erhalten, während rein männliche Teams 75 Prozent sichern. Untersuchungen des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) bestätigen ähnliche Ungleichheiten bei der Bewilligung von Fördermitteln.
Selbst positive Stereotypen können das Potenzial einschränken
Kommentare über die Stärken von Frauen – wie langfristiges Denken oder Umsetzungsstärke – sind zwar als Lob gemeint, können aber unbeabsichtigt engstirnige Geschlechterklischees verstärken. Das Ziel ist nicht, Unterschiede zu beseitigen, sondern sie nicht mehr als Grundlage für ungleiche Bewertungen heranzuziehen.
In Interviews mit Venturelab berichteten Gründerinnen und Gründer von unterschiedlichen Schwerpunkten bei Pitch-Gesprächen: Frauen wurden häufiger zu Risiken und Nachhaltigkeit befragt, während Männer vor allem zu Skalierung und Marktdominanz Stellung nehmen mussten.
Die befragten Frauen haben auch eine Glaubwürdigkeitslücke hervorgehoben: Sie mussten ihre Technologie häufiger unter Beweis stellen und waren oft Teil frauenspezifischer Förderprogramme etwa von Venture Kick oder Innosuisse, um Zugang zu Finanzierung zu erhalten.
Warum Verleugnung fortbesteht – und warum das wichtig ist
Oftmals entspringt Verleugnung einem aufrichtigen Glauben an Fairness und Neutralität. Aber unbewusste Vorurteile gedeihen gerade dann, wenn sie nicht erkannt werden. Institutionen, die sich für Fairness einsetzen, können eine Vorreiterrolle übernehmen, indem sie unbeabsichtigte Hindernisse für die Inklusion aktiv beseitigen.
Deshalb erfordern strukturelle Probleme strukturelle Lösungen – und Führungsstärke, um den Willen zum Handeln zu entwickeln.
Ein positiver Weg nach vorn: Kollektives Handeln für Veränderungen
Schweizer Initiativen wie die „Beat Funding Bias Initiative“ (BFBI) bieten praktische, forschungsbasierte Instrumente, die Institutionen dabei helfen, Vorurteile bei Finanzierungsentscheidungen zu erkennen und abzubauen. Bei ihrer Arbeit geht es nicht um Schuldzuweisungen. Es geht um den Aufbau von Kapazitäten, die Verbesserung der Entscheidungsfindung und die Erschliessung ungenutzter Potenziale.
Die Online- und Präsenzprogramme, Zertifizierungen und Beratungsdienstleistungen der BFBI sorgen für messbare Veränderungen. Und jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um diese Wirkung auszuweiten. Dazu braucht es die langfristige Unterstützung von visionären Akteurinnen und Akteuren – aus öffentlichen Institutionen, privaten Stiftungen, Universitäten und Unternehmen.
Das ist keine Wohltätigkeit, sondern eine kluge Investition.
Vorurteile bei der Mittelvergabe zu reduzieren, ist nicht nur richtig, sondern auch strategisch sinnvoll. Letztlich fördert das Innovationen, stärkt die Wirtschaft und schafft widerstandsfähigere, wettbewerbsfähigere Ökosysteme.
Wir alle haben unbewusste Vorurteile. Bei der Arbeit von BFBI zeigen wir nicht mit dem Finger auf andere. Wir wollen Entscheidungstragenden bessere Werkzeuge an die Hand geben. Wenn Institutionen in diesem Punkt kooperieren, ebnen sie den Weg für stärkere, integrativere Innovationen.
Wenn wir wirklich an Gerechtigkeit glauben, ist jetzt der Moment gekommen zu handeln.
Lasst uns gemeinsam etwas Besseres aufbauen.
Patricia M. Montesinos ist die Hauptinitiatorin und Präsidentin der DenkfabrikFE+MALE und unterstützt aktiv weibliches Unternehmertum. Sie ist Unternehmerin, Business Angel und Start-up-Coach. In der Vergangenheit hatte sie verschiedene Führungspositionen in Unternehmen in Spanien und Dänemark inne.
FE+MALE & BFBI
Der FE+MALE Thinktank setzt sich dafür ein, die Finanzierungslücke frauengeführter Unternehmen zu schliessen und will damit auch das Wirtschaftswachstum auf eine nachhaltige und integrative Weise fördern. Dahinter steht eine Allianz, zu der unter anderem die Standortförderung des Kantons Bern, die Gebert Rüf Stiftung und Ernst Göhner Stiftung gehören. Sie ist offen für alle interessierten Unternehmen und Organisationen. Mit der Initiative Beat Funding Bias BFBI gibt FE+MALE Investierenden und Unternehmern sowie deren Ökosystemen Instrumente an die Hand, um unsichtbare Vorurteile im Rahmen von Finanzierungsentscheidungen aufzudecken und zu verringern.