Nachhaltigkeit durch Innovation – Innovation durch Nachhaltigkeit

14 Januar 2026 11:38

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Circ. Economy

Nachhaltige Lösungen scheitern laut Eva Bucherer oft an einer alten Denkweise. Während diese manchmal zwar weiterentwickelt werden kann, ist an vielen Stellen ein Bruch nötig. Die an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften lehrende Innovationsexpertin zeigt Beispiele auf, in denen Disruption den Weg frei gemacht hat.

Die Herausforderungen sind bekannt: Klimawandel, Ressourcenknappheit, wachsende Abfallberge. Doch sowohl Nachhaltigkeit als auch Innovation haben in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit einen schweren Stand. Zumindest machtpolitisch scheinen wir aktuell auf dem Weg zurück in ein fossiles Zeitalter, in dem erneuerbare Energien und Ressourcenschonung belächelt werden.

Fehlende Wirtschaftlichkeit und die Komplexität bei der Umsetzung nachhaltiger Lösungen scheinen ein anderes Wirtschaften unmöglich zu machen. Doch die wahren Herausforderungen liegen tiefer, auf systemischer Ebene: Zu oft werden nachhaltige Lösungen mit Mitteln und Denkweisen umgesetzt, die jahrzehntelang auf Wachstum und lineare Prozesse optimiert wurden – und damit den Status quo zementieren.

Der Ansatz muss ein anderer sein: Nicht Bestehendes nachhaltiger machen, sondern Lösungen komplett neu denken. Manches kann weiterentwickelt werden, an vielen Stellen braucht es jedoch einen Bruch – disruptive Innovation.
 

Was ist nachhaltige Innovation?

Eine nachhaltige Innovation kann ein Produkt, eine Dienstleistung oder ein neues Geschäftsmodell sein. Sie verfolgt einen ganzheitlichen, systemischen Ansatz: Neben wirtschaftlichem Erfolg werden ökologische und soziale Mehrwerte generiert, negative Auswirkungen minimiert – auch indirekte oder nachgelagerte. Die Perspektive ist zukunftsorientiert: Bedürfnisse gegenwärtiger Generationen werden erfüllt, ohne Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden.

Die folgenden Beispiele zeigen, welche Kraft Nachhaltigkeit und Innovation im Zusammenspiel entfalten können – und damit einen nachhaltigen Wandel wahr werden lassen.
 

Nachhaltige Innovation: Ein neuer Umgang mit Ressourcen

Es braucht eine Abkehr vom Verbrauchen von Ressourcen hin zur effizienten Nutzung und Rückführung in den Kreislauf. Neu entwickelte Materialien vermeiden Schadstoffe und sind für Kompostierbarkeit oder Recyclingfähigkeit optimiert. Ursprünglich als Abfälle deklarierte Stoffe werden zu Rohstoffen für neue Produkte.

Pro 100 Liter Bier fallen 25 Kilogramm Biertreber an – traditionell Tierfutter. Die Appenzeller Brauerei Locher entwickelte daraus ein Geschäftsmodell gegen Food Waste, das neue Märkte erschließt.

Seit fast 30 Jahren verwertet die Brauerei ihre Nebenströme nach der Maxime von Inhaber Karl Locher: Nichts wegwerfen, was noch brauchbar ist. 2021 entstand daraus die Marke Brewbee mit Chips, Geschnetzeltem, Pizza und Müsli aus Biertreber.

Den entscheidenden Schritt brachte eine strategische Kollaboration: HSG-Absolvent Vincent Vida gründete 2019 das Start-up Upgrain, um Biertreber zu Proteinpulver zu verarbeiten. Die Brauerei finanzierte die Anlage und erhielt einen Aktienanteil.

Im September 2024 nahm die nach eigenen Angaben europaweit größte Treberaufbereitungsanlage den Betrieb auf: 25.000 Tonnen Treber werden jährlich zu 5.000 bis 6.000 Tonnen geschmacksneutralem Proteinpulver für Backwaren, Fleischersatz, Cerealien und Nudeln verarbeitet. Allein bei Locher werden 5.500 Tonnen CO₂ eingespart.

Das Ziel: 100% Verwertung aller Nebenströme – eine systematische Transformation des Geschäftsmodells durch klare Vision und kollaborative Innovation.
 

Nachhaltige Innovation: Wertschöpfung neu denken

Ein weiterer zentraler Innovationsbereich liegt in der räumlichen und organisatorischen Neuverteilung von Wertschöpfung. Das dominante Modell globaler Lieferketten – Rohstoffgewinnung im Globalen Süden, Verarbeitung in Industrieländern – ist ökologisch wie sozial problematisch. Die Verlagerung von Produktionsschritten zurück in Ursprungsregionen kann lokale Wertschöpfung vervielfachen und Transportemissionen reduzieren. Gleichzeitig entstehen in den Vertriebsmärkten neue Wertschöpfungsmöglichkeiten durch Reparatur, Aufbereitung und Second Hand.

Ghana produziert 19% des weltweiten Kakaos, doch nur 13% der Wertschöpfung verbleiben im Land. fairafric hat diese Logik umgekehrt: Seit 2020 wird in Suhum Schokolade vollständig vor Ort hergestellt – von der Bohne bis zur Tafel.

Die Verlagerung vervielfacht die lokale Wertschöpfung: Statt 0,13 US-Dollar bei konventioneller Schokolade verbleiben 0,74 US-Dollar pro Tafel in Ghana – 400% mehr. In fünf Jahren entstanden über 215 gut bezahlte Arbeitsplätze in der weltweit ersten solargetriebenen Bio-Schokoladenfabrik, die monatlich 16.500 kWh erzeugt.

Im Anbau setzt fairafric auf dynamische Agroforstwirtschaft mit verschiedenen Pflanzenebenen: Neben Kakao wachsen Cashew, Mango und Ananas unter Nutzholz- und Schattenbäumen. Die Biomasse bindet mehr CO₂, als die gesamte Wertschöpfungskette emittiert. Kakaofamilien erhalten 1.042 US-Dollar pro Tonne Bio-Kakao – ein Vielfaches des Fairtrade-Aufschlags.

Die Grundidee: Wertschöpfung dort ansiedeln, wo Rohstoffe entstehen. Eine soziale Innovation wird zum Katalysator für ökologische und ökonomische Veränderungen.
 

Nachhaltige Innovation: Massentauglichkeit und Skalierung

Um ihre volle Wirkung zu entfalten, müssen nachhaltige Lösungen raus aus der Nische. Die Angebote müssen für Nutzer einfach zugänglich – bequem – werden und an bestehende Verhaltensweisen anschließen. Auch der Preis spielt eine Rolle: Durch konsequente Prozessoptimierung und -automatisierung, auch durch den Einsatz von Technologien, können Angebote wirtschaftlich und skalierbar werden.

Der Second-Hand-Markt wächst rasant, doch der Aufwand schreckt ab: Fotos, Beschreibungen, Versand. Das schwedische Unternehmen Sellpy beseitigt diese Hürden.

Das Modell ist radikal einfach: Verkäufer bestellen eine Tasche, füllen sie mit gebrauchten Artikeln und senden diese per Post ein. Sellpy übernimmt Qualitätsprüfung, Fotografie, Lagerung, Verkauf und Versand. Käufer shoppen auf einer Plattform mit über einer Million Artikeln von 10.000 Marken, inklusive Rückgaberecht.

Seit 2014 erhielten über 20 Millionen Artikel ein zweites Leben. Die CO₂-Einsparungen belaufen sich auf fast 150.000 Tonnen – entsprechend den Jahresemissionen von 15.000 PKW. Das Unternehmen ist in 24 europäischen Märkten aktiv mit über 95 Millionen Euro Jahresumsatz.

Kuratierte Stores auf der Website sprechen verschiedene Zielgruppen an – von der TikTok-Community bis zu Senioren.

Die Innovation funktioniert, weil sie Verhalten nicht bricht, sondern erleichtert: Second Hand wird durch Bequemlichkeit zugänglich, nicht durch Appelle an ökologisches Bewusstsein.
 

Die Kraft nachhaltiger Innovation

Die Beispiele veranschaulichen: Auf Basis einer Innovation können ganze Innovationsökosysteme entstehen. Diese – und vor allem die Kollaboration – ermöglichen einen Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit.

Es zeigt sich: Die Umsetzung von Nachhaltigkeit erfordert dringend Innovation. Doch gerade in der Nachhaltigkeit mit ihren Herausforderungen und Einschränkungen liegt auch eine Quelle für Kreativität und Innovation.

Möchten Sie tiefer in das Thema der nachhaltigen Innovation eintauchen und lernen, wie Sie diese erfolgreich in Ihrer eigenen Organisation umsetzen können? Dann melden Sie sich jetzt für den CAS Sustainable Innovation an der ZHAW an. Der nächste Start ist im Herbst 2026.


Dr. Eva Bucherer ist Gründerin und Geschäftsführerin des Beratungsunternehmen Circular Business Models und Studiengangleiterin des CAS Sustainable Innovation an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Sie will Menschen und Unternehmen für die Kreislaufwirtschaft und nachhaltiges Wirtschaften begeistern und mit ihnen gemeinsam innovative Lösungen entwickeln. Dazu engagiert sie sich auch bei dem schweizweiten Verein Circular Economy Switzerland.

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