Gegen geopolitischen Druck hilft nur Gemeinsinn

19 März 2026 11:45

Partner

Die Schweizer Wirtschaft steht unter geopolitischem Druck. Dieser Druck wird lange andauern, schreibt Steffen Klatt. Dagegen helfen alte Schweizer Tugenden: Konkordanz in der Politik, Zusammenarbeit in der Wirtschaft, Gemeinsinn in der Gesellschaft. Sie müssen nur auf eine globalisierte Welt angewandt werden.

Der Jubel der Exportwirtschaft ist verhalten gewesen, als das amerikanische Oberste Gericht am 20. Februar den willkürlichen Zöllen Donald Trumps die Rechtsgrundlage entzog. Denn absehbar war, dass der amerikanische Präsident andere Instrumente nutzen würde, um die Zölle höher zu schrauben. Am 10. März hat denn auch sein Handelsbeauftragter Jamieson Greer das entsprechende Verfahren eingeleitet.

Doch das macht kaum noch Schlagzeilen. Denn inzwischen sind die steigenden Energiepreise ein grosses Thema – auch sie eine Folge amerikanischer Politik.

Der geopolitische Druck wird nicht nachlassen. Denn er ist gewollt. Grosse Akteure wollen die Weltordnung zu ihren Gunsten umbauen. Die USA leiten die Wohlstandsströme der Welt zu sich um. China flutet den Weltmarkt mit Produkten, die mit staatlichen Subventionen entwickelt wurden und inzwischen besser sind als die der Wettbewerber in Europa oder Nordamerika. Russland drängt ganz altmodisch mit Krieg und Sabotage zurück auf die Weltbühne.

Der geopolitische Druck wird auch deshalb nicht nachlassen, weil er Früchte trägt. Donald Trump hat dies angesichts von hohen Ölpreisen gesagt: „We will make a lot of money“ – auf Deutsch: Wir werden viel Geld verdienen. Mit „wir“ hat er sich und seine Freunde in der Ölindustrie gemeint. China geniesst es, dass ddie Europäer nach Jahren der Distanz wieder die Supermacht im Osten hofieren.

Die Schweiz ist eines der wohlhabendsten Länder der Welt, also ist hier viel zu holen. Geholt wird schon: Jede Milliarde, die Roche, Novartis und andere jetzt in den USA investieren, wird in der Schweiz fehlen. Ihre chinesischer Konkurrenten lachen sich ins Fäustchen, denn sie haben solche politisch motivierten Investitionen nicht nötig. Die hohen Energiekosten wiederum leiten den Konsum um: Der Franken wird wieder zum sicheren Hafen, seine Aufwertung drückt auf die Margen. Die Devisenmarktinterventionen der Nationalbank könnten sich schon im Sommer in Form höherer US-Zölle auf Schweizer Importe niederschlagen. Noch folgenreicher dürfte sein, dass die Künstliche Intelligenz den Status der Schweiz als digitale Kolonie Amerikas – und zunehmend Chinas – zementiert.

Gegen diesen Druck helfen keine Goldbarren, wie ihn ein paar Schweizer Milliardäre im Herbst auf den Tisch von Donald Trump gelegt haben. Gegen Druck hilft nur Stärke.
 

Stärke kommt von innen.

Die Schweiz gehört zwar zu den Gewinnerinnen der Globalisierung, hat dafür aber einen hohen Preis gezahlt: Der innere Zusammenhalt ist geschwächt. Die Politik steckt in wichtigen Fragen wie der Europapolitik, dem Pensionsalter und dem Wohnungsbau im Schützengraben fest oder verliert sich im Klein-Klein der vielen Einzelheiten – etwa in der Gesundheitspolitik. Die Wirtschaft ist gespalten zwischen den wenigen ganz grossen Unternehmen, die nur noch schwache Bindungen an das Land haben, und den vielen KMU, denen die Globalisierung die Margen weggefressen hat. Start-ups werden gefördert, Ansiedlungen auch, bestehende Unternehmen sind sich selbst überlassen. In der Gesellschaft werden künstliche Gegensätze gepflegt zwischen Einheimischen und Zugewanderten, Stadt und Land.

Die Schweiz kann die neue Ära des geopolitischen Drucks nur bewältigen, wenn sie auf ihre alten Tugenden setzt und sie an die neue, globalisierte Welt anpasst: Konkordanz, Zusammenarbeit, Gemeinsinn.

Konkordanz ist dann wirksam, wenn sie nicht nur von den Mitgliedern der Exekutiven gepflegt wird, sondern auch von den Parteien, die sie vertreten. Noch in den 90er-Jahren haben Schweizer Parteien lagerübergreifend dauerhaft haltbare Lösungen entwickelt: in der Drogen-, der Verkehrs- und der Landwirtschaftspolitik. Die Schweiz profitiert noch heute von der damaligen Fähigkeit, zusammenzuarbeiten. Warum nicht ähnliche Lösungen in der Europapolitik, beim Pensionsalter, im Wohnungsbau und im Gesundheitswesen?

Zusammenarbeit braucht es auch in der Wirtschaft: Wenn KMU nicht für jede Kleinigkeit zu einem amerikanischen – oder chinesischen – Grossanbieter rennen, sondern auch nach Anbietern in ihrer Nähe, dann können sich hier starke Ökosysteme bilden. Die Schweiz weist viele Cluster auf, an denen solche Ökosysteme ansetzen können – vom Maschinenbau im St.Galler Rheintal über die Sensorik am Zürichsee zur Präzisionsindustrie in und um Biel. Und warum grasen in Zürich hauptsächlich Google & Co die jungen IT-Absolvierenden der Eidgenössischen Technischen Hochschule ab? Warum nicht sie nutzen, um die nächsten Etappen der Digitalisierung der Welt zu gestalten.

Gemeinsinn war die Stärke der Schweiz, davon ist auch noch viel übrig geblieben: Menschen vertrauen einander in diesem Land. Das gilt für die Einheimischen wie für die Zugezogenen; letztere integrieren sich rasch in diese Kultur der sozialen Nähe – oder ziehen rasch wieder weg. Stadt und Land sind nicht Gegensätze, sondern komplementär. Zu sehen am Wochenende: Die Leute vom Land kaufen in der Stadt ein, die aus der Stadt gehen auf dem Land wandern. Warum nicht gemeinsam die Welt gestalten, in der alle morgen leben wollen?

Die Schweiz hat schon schwierigere Zeiten überstanden als diese. Sie wird also auch den derzeitigen geopolitischen Druck überstehen. Die Menschen in diesem Land – egal, ob Schweizerin oder Schweizer erster, zweiter, x-ter Generation oder gerade erst zugezogen – müssen es nur wollen. Und dann machen, gemeinsam.

 

Steffen Klatt ist Gründer und Geschäftsführer der Nachrichtenagentur Café Europe in Winterthur, die auch die Nachrichtenplattform punkt4.info betreibt, sowie Autor mehrerer Bücher. Im Verlag Zytglogge in Basel erscheint im April 2026 „Warum die Schweiz so reich ist. Und warum nicht alle etwas davon haben“.

Meinungen

Ältere Ausgaben