Die Schweiz muss sich wieder auf ihre KMU besinnen
02 April 2026 09:57
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Die Schweiz kommt mit einer deutlich höheren Wirtschaftsleistung aus der Globalisierung heraus, auch pro Kopf. Doch dieses Wachstum geht praktisch ausschliesslich auf die globale Schweiz zurück: die international tätigen Konzerne, die Ansiedlung von Hauptsitzen und Verlagerung profitabler Arbeitsschritte wie der Forschung und Entwicklung, den Rohstoffhandel, die Vermögensverwaltung, die Einwanderung von Millionärinnen und Milliardären ins Steuerparadies.
Die Schweiz hat in den vergangenen drei Jahrzehnten immer weniger von ihrer eigenen Arbeit und immer mehr von dem Wohlstand gelebt, den sie aus der Welt in das eigene Land umleiten konnte. Möglich war das in einer Zeit des regelbasierten Weltmarktes mit einem weitgehend diskriminierungsfreien Kapitalverkehr. Diese Zeit ist jetzt vorbei.
Das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft hat in diesen drei Jahrzehnten gelitten. Die klassischen KMU-Branchen gehen geschwächt aus der Globalisierung heraus. Die Maschinen- und Metallindustrie als grösste von ihnen schrumpft ständig. Die Konsumgüterindustrie ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, von der Textilindustrie ganz zu schweigen.
Das klassische Wachstumsmodell Schweizer KMU funktioniert nicht mehr. Wer vor der Globalisierung als KMU in die Welt wollte, umwarb einen der Schweizer Grosskonzerne, wurde deren Zulieferer und ging in deren Rucksack mit hinaus in die Welt. Doch heute haben Schweizer Grosskonzerne hier vielleicht noch ihren Hauptsitz. Aber ihre Zulieferer suchen sie sich irgendwo auf der Welt. Die KMU sind seither auf sich allein gestellt. Manche haben es geschafft. Aber die meisten eben nicht. Auch deshalb entfällt fast die Hälfte aller Exporte auf eine einzige Branche – Pharma und Chemie. Ein Klumpenrisiko.
Die Stärkung der globalen Schweiz war gewollt, die Schwächung der KMU – zumindest in ihrer Gesamtheit – eine Art wirtschaftspolitischer Kollateralschaden.
Die Wirtschaftsförderung hat sich zu lange auf Ansiedlungen konzentriert. Aber wer stolz darauf verweist, dass Google tausende Arbeitsplätze an der Europaallee in Zürich geschaffen hat, der vergisst eben, dass die Wertschöpfung nach Kalifornien abfliesst. Die Schweiz ist nur der Lieferant von erstklassigen Talenten, sozusagen ein Indien für Fortgeschrittene. Das gleiche gilt für alle anderen Technikkonzerne, die an der Limmat präsent sind: Apple, Disney, Facebook, Microsoft usw. Deren Talente fehlen heimischen Unternehmen.
Die Innovationsförderung hat sich zu sehr auf die sogenannten echten Start-ups konzentriert, auf die Biotech- oder Krypto- oder DeepTech-Unternehmen, die nach Milliardenbewertungen schielen dürfen. Gerade wegen dieser Milliardenbewertungen sind sie eben oft nur Lieferanten von Rohmaterial für globale Anleger auf der Suche nach dem „nächsten grossen Ding“ – und oft schnell wieder verschwunden.
Kluge Absolvierende von Spitzenhochschulen konnten sich in dieser Zeit mit ihrer coolen Geschäftsidee von Pitch zu Pitch hangeln. Normalen KMU mit funktionierenden Geschäftsmodellen bleibt nur der normale Bankkredit – und der ist schwer zu bekommen und teuer.
Fragwürdiger wird es noch, wenn das Staatsunternehmen Swisscom und die UBS als einzige verbliebene Grossbank des Landes 50 Milliarden Franken für solche DeepTech-Start-ups mobilisieren wollen. Damit leiten sie Geld, das sie in der Realwirtschaft verdienen, faktisch in internationale Kapitalmärkte um – und weg von den KMU.
Ob richtig oder falsch: Künftig funktioniert dieses auf globale Kapitalmärkte ausgerichtete Geschäftsmodell nicht mehr – und sei es nur, weil es Amerika nicht mehr zulässt. Die Schweiz braucht ein neues Geschäftsmodell, bei dem sie nicht abhängig ist von den Launen der Supermächte.
Dafür bringt die Schweiz durchaus gute Voraussetzungen mit.
Eine davon ist ausgerechnet die Innovationsförderung an den Hochschulen. Wenn namentlich die Spitzenhochschulen des Landes sich auf die Bedürfnisse der Realwirtschaft statt auf diejenigen der anlagehungrigen Kapitalmärkte ausrichten, dann können sie zu den wahren Goldminen des Landes werden.
Dabei können sie sich ein Beispiel nehmen an den Fachhochschulen, die Ende der 90er Jahre lanciert wurden und sich inzwischen in allen Regionen der Schweiz etabliert haben. Diese sind schon finanziell darauf getrimmt, ihre Studiengänge und erst recht ihre Weiterbildungen auf die Bedürfnisse der Unternehmen ihrer Regionen auszurichten.
Auch Innosuisse, vor knapp einem Jahrzehnt aus der einstigen Kommission für Technologie und Innovation (KTI) hervorgegangen, hat ihr Angebot systematisch auf KMU ausgerichtet.
Dazu passend: Die Berufsausbildung wurde nicht in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur weiterhin gepflegt, sondern über Passerellen mit den neuen Fachhochschulen ergänzt. Lernende haben heute einen strukturierten Zugang zu tertiärer Bildung.
Auch der Einstieg in das Unternehmertum wurde erleichtert. Noch nie war es so einfach, Unternehmen zu gründen; heute geht das problemlos digital. Förderangebote gibt es überall und niederschwellig. Also gibt es viele, die es versuchen.
Eine Trumpfkarte der Schweiz: die Kleinteiligkeit des Landes. Wenn Unternehmerinnen und Unternehmer ein Anliegen haben, finden sie ihre Ansprechpartner in der Verwaltung oder der Politik – und treffen dort auf ziemlich viel gesunden Menschenverstand. Probleme werden hier in der Regel gelöst, nicht aufgebauscht.
Der Wohlstand der Schweiz dürfte künftig wieder vermehrt von der Arbeit abhängen, die hier geleistet wird, und weniger von dem Wohlstand, der aus der Welt in die Schweiz umgeleitet werden kann. Für diesen künftigen Wohlstand ist die Schweiz auf ihre KMU angewiesen. Also muss sie diese wieder besser pflegen.
Steffen Klatt ist Gründer und Geschäftsführer der Nachrichtenagentur Café Europe in Winterthur, die auch die Nachrichtenplattform punkt4.info betreibt, sowie Autor mehrerer Bücher. Im Verlag Zytglogge in Basel erscheint im April 2026 „Warum die Schweiz so reich ist. Und warum nicht alle etwas davon haben“.