Die Schweiz braucht ein neues Geschäftsmodell
16 Januar 2026 15:28
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Schön ist es gewesen in den vergangenen drei Jahrzehnten. In der Schweiz noch mehr als anderswo. Immer ging es irgendwie bergauf, nicht für alle, aber für viele. Bergab ging es für die wenigsten. Wachstum, Wohlstand, Luxusprobleme.
Diese Zeit ist vorbei. Das Ende wurde von aussen eingeleitet: Corona, Ukrainekrieg, Donald Trumps Handelskriege. Und es wurde im eigenen Land vorbereitet: steigende Immobilienpreise, wachsende Gesundheitskosten, zunehmende Unzufriedenheit mit der Zuwanderung.
Wer will, kann noch darauf hoffen, dass das Schlimmste wie bei den US-Zöllen von 39 Prozent auf Importe aus der Schweiz wieder abgewehrt werden können. Aber schon hat das Rohstoffunternehmen Glencore mitgeteilt, dass es über eine Übernahme durch den englischen Wettbewerber Rio Tinto verhandeln. Auch den Automatenbetreiber Selecta zieht es nach London. Gleich zwei schlechte Nachrichten für den Zuger Finanzdirektor.
Das Geschäftsmodell der Schweiz während der drei Jahrzehnte der Globalisierung hat darauf basiert, das Land ziemlich weit oben in den immer längeren linearen Wertschöpfungsketten der Welt zu platzieren – dort, wo die Gewinne verbucht werden.
Das hiess erstens: Konsequent auf höhermargige Produkte setzen – Pharma, Uhren, Medtech, Robotik und so weiter. Da konnte die Schweiz an einer langen Tradition anknüpfen. Ebenso konsequent alle niedrigmargigen Produkte und Arbeitsschritte ins Ausland verlagern – einfachere Maschinen, Produkte des täglichen Bedarfs, Textilien. Das war dank der Globalisierung möglich. Der Preis: Lieferkettenrisiken.
Das hiess zweitens: Konsequent in der Finanzwirtschaft auf die profitabelsten Bereiche setzen. Also Vermögensverwaltung statt Handelsbanken, Hedge Fonds statt Anlagefonds. Das war dank der Liberalisierung der Finanzmärkte möglich. Der Preis: Abhängigkeit von den internationalen Finanzmärkten.
Drittens: Konsequent die profitabelsten Arbeitsschritte der Weltwirtschaft ins Land holen – Forschung und Entwicklung, Rohstoffhandel, Unternehmenssitze. Alles andere auslagern. Auch das dank der Globalisierung. Der Preis: Abhängigkeit von Entscheidungen einiger weniger Spitzenmanager.
Und viertens: Gern auch die Milliardäre selbst ins Land holen, für kurze Zeit wie zum Weltwirtschaftsforum oder für längere Zeit dank Pauschalbesteuerung. Der Preis: Abhängigkeit vom Jetset mit seinen wechselnden Moden.
Das Geschäftsmodell der Schweiz während der Globalisierung war so erfolgreich, dass die Rubel (und Dollar) nur so ins Land rollten.
Und wo rollten sie hin? Zum Beispiel in die Immobilien. Also stiegen deren Preise. In erstklassige Dienstleistungen - also stiegen deren Preise. In ein erstklassiges Gesundheitswesen - also stiegen dessen Kosten.
Das Geschäftsmodell während der Globalisierung die Milliarden und die Milliardäre in die Schweiz gebracht. Aber nicht alle Einheimischen hatten etwas davon.
Nun sind diese Zeiten vorbei. Die Schweiz braucht daher ein neues Geschäftsmodell. Und wie jedes gute neue Geschäftsmodell kann es an den bisherigen Stärken ansetzen.
Die Schweiz hat in den vergangenen Jahrzehnten etwas hervorgebracht, was so wohl einzigartig ist: eine urbane Gesellschaft in einem vielfältigen Land. Die Schweiz ist zu einer einzigen Grossstadt zusammengewachsen, mit vielen Quartieren darin und mit grossen grünen – und blauen - Flächen dazwischen. Selbst die kleinsten Weiler sind inzwischen zu urbanen Quartieren geworden, mit einem ähnlich hohen Lebensstandard wie die grossen Städte, nur ohne Opernhaus.
Die Schweiz hat in dieser Zeit Millionen Menschen aus ganz Europa und der Welt aufgenommen und sie bestens integriert. Sie hat dadurch an Eigenständigkeit und an Profil eher noch gewonnen: Swissness ist ein Produkt dieser gelebten Globalisierung.
Diese urbane Gesellschaft ist eine Trumpfkarte der Schweiz. Denn auch die post-globalisierte Welt will eine wohlhabende sein – die neuen Herren der Welt wollen diesen Wohlstand nur anders verteilen, mehr nach Mar-a-Lago und Moskau statt nach Maienfeld und Meiringen, mehr nach Peking und Pjöngjang statt nach Payerne und Pontresina.
Wohlstand aber wird von urbanen Gesellschaften erzeugt. Die Menschen in der Schweiz wissen, wie man neue Ideen entwickelt – dafür hat es erstklassige Universitäten, Technische Hochschulen und Fachhochschulen. Die Menschen hier wissen, wie man aus Ideen gute Produkte und Dienstleistungen macht – in den vergangenen Jahrzehnten sind Innovationsförderer überall aus dem Boden geschossen, ausgehend vom Technopark Zürich und der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne als den Pionieren. Die Menschen hier wissen auch, wie man diese Produkte und Dienstleistungen in die Welt bringt – niemand ist so gut vernetzt wie die Schweizerinnen und Schweizer.
Wie alle Grossstädte braucht auch die Schweiz Umland. Wenn sie erfolgreich sein will, braucht sie optimale Beziehungen mit ihren Nachbarn, mit ihren Handelspartnern, mit ihren Freunden. Das ist umso wichtiger in einer Welt, in der Supermächte und ihre Nachahmer wieder mit Raketen fuchteln.
Wie alle Grossstädte muss auch die Schweiz dafür Sorge tragen, dass sie die Ressourcen erhält, die sie für ihre Wirtschaft und erst recht ihre Ernährung braucht. Das Gute daran: Viele dieser Ressourcen sind schon da, sie müssen nur genutzt werden. Kreislaufwirtschaft ist keine grüne Spinnerei, sondern eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit. Der Wechsel vom linearen zum zirkulären Geschäftsmodell ist eine Chance für die Schweiz.
Und wie immer bei neuen Geschäftsmodellen: Es braucht mehr Informationen über dasjenige, was anderswo geschieht; es braucht mehr Kommunikation nach aussen. Beides, Information und Kommunikation, muss glaubwürdig sein. Chance Schweiz.
Steffen Klatt ist Gründer und Geschäftsführer der Nachrichtenagentur Café Europe in Winterthur, die auch die Nachrichtenplattform punkt4.info betreibt, sowie Autor mehrerer Bücher. Im Verlag Zytglogge in Basel erscheint im April «Warum die Schweiz so reich ist. Und warum nicht alle etwas davon haben».