Dringend benötigt: Ökologie-Schuldenbremse

01 Februar 2023 14:52

„Wir haben zu viel konsumiert, jetzt kommt der Kater“, sagt der abgetretene Finanzminister. Bundes- und Kantonsparlamente beschränken ihre Ausgabenfreude mit Schuldenbremsen. Der Verlust von Tier- und Pflanzenarten geht ungehindert weiter. Wir benötigen eine Bremse für ökologische Schulden, schreibt Manuel Flury-Wahlen.

„Ab wann stört die Menschen der Verlust der Artvielfalt?“, lautete kürzlich die Überschrift einer SRF-Meldung. Offenbar ging die Journalistin davon aus, dass wir Menschen über das Verschwinden von Tier- und Pflanzenarten zwar informiert sind, dass wir dies jedoch nicht als störend oder gar bedrohlich erleben. Ist dies der Grund, dass wir weiterhin Dinge konsumieren, die der Artenvielfalt schaden, und uns politisch gegen Einschränkungen unserer Bewegungsfreiheiten, beispielsweise in Schutzgebieten, wehren? Liegt dies daran, dass wir dieses Verschwinden mit unseren Sinnen nicht direkt wahrnehmen?

Mir entgeht das Verschwinden von Insekten. Ich kann mich weiterhin an Bienen, Wespen und Vögel und an blühenden Wiesen erfreuen, ich bemerke die Veränderung der Natur nicht unmittelbar. Und dann gibt es ja noch die viele Naturschutzzonen, in denen Tiere und Pflanzen geschützt leben können. So geht es mir manchmal durch den Kopf. Dann kommen mir aber die Bilder aus dem Film „More than Honey“ von Markus Imhof über die Bienen in den Sinn, die chinesischen Landarbeiter und Landarbeiterinnen, die in Handarbeit auf Kirschbäumen sitzend mit Pinzetten die Blüten bestäuben. Es steht wirklich nicht gut um die Insekten und viele andere Tierarten. Auf der Webseite des Films steht ein aufrüttelndes Zitat: „Einstein soll gesagt haben, wenn die Bienen aussterben, sterben vier Jahre später auch die Menschen aus“.

Der Weltbiodiversitätsrat IPBESschrieb 2016 in einer Studie: „Fast 90 Prozent aller blühenden Wildpflanzen und mehr als drei Viertel der Nahrungsmittelpflanzen sind zumindest teilweise auf die Bestäubung durch Insekten oder andere Tiere angewiesen. Bestäubte Pflanzen liefern Obst, Gemüse, Samen, Nüsse und Öle, die wiederum zu den Hauptlieferanten von Vitaminen und Mineralien gehören. Außerdem stellen viele von ihnen wichtige Einkommensquellen in Entwicklungsländern dar, zum Beispiel Kaffee und Kakao. In den vergangenen 50 Jahren stieg die von Bestäubern abhängige landwirtschaftliche Produktion um das Dreifache. Auch Nichtlebensmittelpflanzen sind auf Bestäuber angewiesen. Aus ihnen werden Biotreibstoff wie Raps- und Palmöl, Fasern wie Baumwolle und Kapok, Medizin und Holz.“

Die Wirtschaftswissenschaft versucht seit vielen Jahren den Geldwert der Artenvielfalt zu ermitteln. Absicht ist, die Kosten und den Nutzen einer artenmässig intakten Natur in unseren wirtschaftlichen Überlegungen zu berücksichtigen, als Konsumentinnen und Konsumentinnen, wenn wir einkaufen, als Bürgerinnen und Bürger und Politikerinnen und Politiker, wenn wir über Subventionen für die Landwirtschaft befinden oder wenn wir als Unternehmerinnen und Unternehmer das Business Modell gestalten und Banken zur Finanzierung vorschlagen. Neben dem Wissen um den Nutzen der Artenvielfalt geht es darum die Kosten für die Schädigung der Artenvielfalt zu ermitteln, damit sie von denjenigen getragen werden, die diese auch verursachen, dass die Preise also diese Kosten einschliessen, die Kostenwahrheit eben, wie wir sie aus der verkehrspolitischen Diskussion schon lange kennen.

Als Konsumierende befinden wir uns jedoch in einer paradoxen Situation. Nahrungsmittel aus einer schonenden, ökologischen Produktion kosten mehr als solche, die unter herkömmlichen Bedingungen angebaut werden. Klar, ökologische Produkte bedingen mehr Arbeit. Der ökologische Nutzen, den dieser Mehraufwand stiftet, bleibt jedoch nur ungenügend berücksichtigt. Er stellt eine Gratisleistung an die Gesellschaft und an die kommenden Generationen dar.

Ebenso wenig werden die ökologischen Kosten, welche herkömmlich angebaute Produkte verursachen, im Preis berücksichtigt. Im Wesentlichen bezahlt die Gesellschaft für den Verlust an Tier- und Pflanzenarten, für die Verarmung von Böden oder für die Belastung von Trinkwasserreserven, nicht heute, nein, sie hinterlässt diese ökologischen Schulden kommenden Generationen.

Wie oft mahnte der Finanzminister, dass Schulden dereinst von den Nachfahren zu tilgen sein werden? Gilt dies bei den ökologischen Schulden nicht? Während für den Finanzhaushalt eine Schuldenbremse gilt, fehlt eine solche für den ökologischen Haushalt!

Der Markt kümmert sich nicht um das Allgemeinwohl respektive das „öffentliche Gut“ Artenvielfalt, es sei denn, die Gesellschaft respektive der Staat setze dem Markt Grenzen, wonach beispielsweise eine gewisse Artenvielfalt garantiert bleiben müsse. Derartige Regeln kennt unsere Gesellschaft bislang nicht. Bemerkenswert ist, dass auf globaler Ebene die eben zu Ende gegangene internationale Biodiversitätskonferenz von den Ländern fordert, dass sie 30 Prozent ihrer Landes- und Meeresflächen unter Schutz stellen.

Soll die Artenvielfalt erhalten werden – und wir wissen, wie überlebensnotwendig eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt ist – dann benötigt unsere Gesellschaft dringend Regeln mit denen das ökologische Schuldenmachen, welche die kommenden Generationen zu tragen und zu tilgen haben endlich gebremst wird, eine ökologische Schuldenbremse!

 

Hinweis:

Das 2022 gegründete Netzwerk Agroecology works fordert in seinen politischen Empfehlungen unter anderem die Bewahrung der genetischen Vielfalt, einem Kernelement der Agrarökologie, als Grundlage eines nachhaltigen Ernährungssystems. Die Artenvielfalt müsse daher unbedingt erhalten und nachhaltig genutzt werden.

 

Manuel Flury-Wahlen ist ausgebildeter Geograph, pensionierter Mitarbeiter der DEZA und Grossvater. Er bleibt an allen Zukunftsfragen interessiert und ist Berater in Fragen der Internationalen Zusammenarbeit und einer sozial und ökologisch verantwortlicheren Schweiz. Dieser Beitrag ist in längerer Form auch auf seinem privaten Blog publiziert.

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