Mehr als nur Einhörner - Warum Gründungen und Entrepreneurship systemrelevant sind
04 November 2025 11:01
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(CONNECT) Wenn über „Startups“ gesprochen wird, denken viele an die Top 100 Swiss Startups, an Heuberger-, de Vigier-, oder Venture Kick-Preisträger und an Unicorns mit globalem Anspruch. Diese technologieorientierten, skalierbaren und meist fremdfinanzierten Startups stehen im Rampenlicht – zu Recht, denn sie treiben Innovation und Sichtbarkeit voran. Doch sie sind nur ein kleiner Teil des Gesamtbildes.
In der Schweiz werden jedes Jahr rund 40'000 neue Unternehmen gegründet. Davon erfüllen gerade einmal 100 bis 200 die typischen Kriterien eines „technologieorientierten Startups“. Die restlichen über 99 Prozent sind lokale, dienstleistungs- oder handwerksorientierte Unternehmen – oft ohne Risikokapital, aber mit enormer Bedeutung für Wirtschaft, Beschäftigung und Strukturwandel.
Diese Diskrepanz zeigt: Die Faszination für Unicorns, also Startups mit einer Bewertung über einer Milliarde Dollar, ist verständlich, aber verkürzt. Die Gründungslandschaft ist viel breiter, vielfältiger – und volkswirtschaftlich relevanter, als die mediale Wahrnehmung es suggeriert.
Warum Unternehmensgründungen wichtig sind – aber nicht nur wegen der Jobs
Die klassische Begründung für die Förderung von Startups lautet: Sie schaffen Arbeitsplätze, generieren Wachstum und fördern Innovation. Das stimmt – aber nur teilweise.
Arbeitsplätze: In einem Land mit rund 2,3 Prozent Arbeitslosigkeit (2025) und verbreitetem Fachkräftemangel ist dieser Aspekt zu relativieren. Die volkswirtschaftliche Bedeutung neuer Jobs durch Startups ist in der Schweiz begrenzt.
Wachstum: Viele Jungunternehmen leisten in den ersten Jahren nur geringen Beitrag zur Wertschöpfung – die Hälfte verschwindet innert fünf Jahren wieder.
Innovation und Wettbewerbsfähigkeit: Hier liegt der eigentliche Hebel. Startups agieren schnell, unbürokratisch, mutig – sie bringen kreative Energie ins System und zwingen etablierte Unternehmen, agiler und kundenorientierter zu werden.
Strukturwandel: Der zentrale Punkt. Neue Branchen entstehen fast immer durch Startups – sei es E-Commerce, FinTech, Gaming, SaaS, CleanTech oder aktuell Künstliche Intelligenz. Ohne Gründerinnen und Gründer, die etwas wagen, gäbe es diesen Wandel nicht.
Technologische Startups sind wichtig – aber nicht die ganze Antwort
In Politik, Medien und Förderlandschaft dominiert heute oft der Fokus auf technologiebasierte Startups – jene, die neue Technologien entwickeln, Patente anmelden und Risikokapital anziehen.
Diese Unternehmen sind unbestritten wichtig für den technologischen Fortschritt und die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Aber: Eine einseitige Förderung greift zu kurz.
Gerade an Fachhochschulen, wo der Fokus stärker auf Anwendung, Praxis und Weiterbildung liegt, entstehen naturgemäss weniger technologiegetriebene Spin-offs als an universitären Forschungsinstitutionen mit Doktoratsprogrammen.
Doch daraus abzuleiten, dass Entrepreneurship-Aktivitäten an Fachhochschulen reduziert wer-den sollten, wäre ein schwerer strategischer Fehler.
Das Gegenteil ist richtig: Entrepreneurship auf allen Ebenen fördern
Was Fachhochschulen – und übrigens auch Unternehmen, Verwaltung und Bildungssystem – fördern müssen, ist nicht primär die Gründung von Firmen, sondern die unternehmerische Haltung und Handlungskompetenz.
Diese lässt sich in zwei zentrale Dimensionen fassen:
1. Der Entrepreneurial Mindset
Der unternehmerische Mindset beschreibt die innere Haltung, mit der Menschen Chancen erkennen, Verantwortung übernehmen und aus Unsicherheit Handlungsoptionen ableiten.
Dazu gehören Eigenschaften wie:
• Erkennen von Chancen, nicht nur Problemen
• Neugier und Offenheit für Neues
• Mut, Risiken einzugehen und Fehler als Lernchancen zu sehen
• Eigeninitiative und Durchhaltevermögen
• Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen
• Blick für Kundenbedürfnisse und Wertschöpfung
Kurz: Es ist die Denkweise, die Wandel nicht fürchtet, sondern gestaltet.
2. Das Entrepreneurial Skillset
Das unternehmerische Skillset umfasst die konkreten Fähigkeiten, um Ideen in die Tat umzusetzen:
• Problemlösungs- und Entscheidungskompetenz
• Kreativität und Geschäftsmodellverständnis
• Kommunikation, Teamführung und Verhandlung
• Finanzielle und strategische Grundkenntnisse
• Projekt- und Innovationsmanagement
Diese Fähigkeiten sind nicht nur für Gründerinnen und Gründer wichtig – sie sind in allen Organisationen zentral, vom Start-up bis zum Weltkonzern.
Warum das alle betrifft – vom KMU bis zur Grossbank
Nicht zufällig sagen heute viele etablierte Unternehmen: „Wir wollen uns verhalten wie ein Startup.“
Gemeint ist nicht, dass sie kleiner oder risikoreicher werden sollen, sondern dass sie schneller, flexibler und mutiger agieren wollen – also unternehmerischer.
Hier wird deutlich: Startups sind nicht nur Firmen, sie sind Vorbilder. Sie zeigen, wie man denkt, entscheidet und handelt, wenn man wirklich gestalten will.
Und genau diese Prinzipien müssen auch in Ausbildung, Weiterbildung und Organisationskultur verankert werden.
Fachhochschulen spielen hier eine Schlüsselrolle – als Brückenbauer zwischen Theorie und Praxis, zwischen Innovation und Umsetzung.
Fazit: Eine Kultur des Unternehmertums schaffen
Die Förderung von Startups bleibt wichtig. Aber sie darf nicht Selbstzweck sein. Viel entscheidender ist, dass wir in der Schweiz eine Kultur des Unternehmertums stärken – in Schulen, Hochschulen, KMU, Verwaltungen und Konzernen.
Denn der wahre Wert des Entrepreneurship liegt nicht nur im Gründen, sondern im Denken und Handeln unternehmerisch orientierter Menschen in allen Bereichen unserer Wirtschaft und Gesellschaft.
Oder anders gesagt: Nicht jede und jeder muss ein Startup gründen – aber möglichst viele sollten unternehmerisch denken und handeln können.
Prof. Dr. Rolf Meyer ist Leiter des Zentrums für Entrepreneurship & Innovation, Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) und Professor für Entrepreneurship und Innovation.