Die Welt schlittert in eine KI-Abhängigkeit zu den USA
28 August 2025 14:48
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Ein Grossteil dieses Jahres wurde von einer einzigen Phrase geprägt, die den Ansatz der Trump-Administration im globalen Handel definiert: „Wir halten alle Karten in der Hand.“ Dieses Mantra, das bei Verhandlungen von Brüssel bis Tokio wiederholt wurde, basierte auf einer einfachen, aber kraftvollen Prämisse: Die weltweite Abhängigkeit vom riesigen US-Konsummarkt verleiht Washington beispiellosen Einfluss. Die Administration hat diesen Einfluss nicht zögerlich genutzt und Zugeständnisse bei allem erzwungen – angefangen bei Agrarprodukten bis hin zu Industriezöllen. Dadurch fühlten sich Handelspartner oft gezwungen, Vereinbarungen zu akzeptieren, die hauptsächlich amerikanischen Interessen dienen.
Nachdem das Weisse Haus seine Macht im greifbaren Bereich von Waren und Dienstleistungen erfolgreich ausgespielt hat, wendet es nun dieselbe kompromisslose Logik auf den immateriellen, aber ungleich strategischeren Bereich der Künstlichen Intelligenz an. In einem Schritt, der ebenso ehrgeizig wie konfrontativ ist, hat die Administration eine offizielle Strategie vorgestellt, um eine weltweite Abhängigkeit nicht mehr von amerikanischen Konsumenten, sondern von amerikanischem Code zu schaffen. Diese neue Doktrin, dargelegt in aktuellen Direktiven des Weissen Hauses, ist ein kühner Versuch, den „American AI Stack“ zum unverzichtbaren Fundament der globalen Wirtschaft des 21. Jahrhunderts zu machen – und damit die technologische Vorherrschaft für eine ganze Generation zu sichern. Für Führungskräfte in der Politik und Wirtschaft weltweit stellt dies ein tiefgreifendes und dringliches Dilemma dar.
Die Strategie wurde am 23. Juli 2025 in einer präsidentiellen Anordnung mit dem Titel „Promoting the Export of the American AI Technology Stack” offen dargelegt. Das Dokument ist ein Plan für technologische Staatskunst und argumentiert, dass die amerikanische Führungsrolle im Bereich der KI ein Gebot der nationalen Sicherheit sei. Es heisst darin: „Es ist die Politik der Vereinigten Staaten, die amerikanische Führungsrolle im Bereich der KI zu bewahren und auszubauen und die internationale Abhängigkeit von KI-Technologien, die von unseren Gegnern entwickelt wurden, zu verringern, indem die weltweite Verbreitung von KI-Technologien amerikanischen Ursprungs unterstützt wird.“ Dabei handelt es sich nicht bloss um Promotion, sondern um eine Absichtserklärung zur Schaffung einer neuen Form strategischer Abhängigkeit. Diese Haltung wurde in einer Rede auf dem APEC-Digital- und KI-Ministertreffen am 5. August 2025 nochmals bekräftigt, bei der der Technologiedirektor des Weissen Hauses, Michael Kratsios, die Strategie als eine klare Entweder-Oder-Entscheidung präsentierte. Er sagte: „Sie können dem europäischen Modell der Angst und Überregulierung folgen – und unweigerlich zurückgelassen werden sowie im Stillstand verharren, während die Staaten um Sie herum neue Grenzen erschliessen und eine neue Zukunft gestalten. Oder Sie nehmen unsere ausgestreckte Hand und machen ein Geschäft.“
Was globale Regeln für KI betrifft, so wurden diese rundweg abgelehnt. Direktor Kratsios führte weiter aus: „Wir glauben, dass der Weg des Fortschritts in menschlichem Urteilsvermögen und freundschaftlicher Zusammenarbeit liegt, in politischer Freiheit und bürgerschaftlicher Verantwortung, in Souveränität und Unabhängigkeit – nicht in globaler Steuerung und technokratischer Kontrolle.“
Die Botschaft könnte kaum klarer sein: Washington stellt die weltweite Einführung von KI als eine Entscheidung dar – zwischen dem offenen, wertebasierten amerikanischen Ökosystem und der geschlossenen, überwachungskapitalistischen Alternative aus China. In dieser grossen Erzählung gibt es einen auffällig dritten Weg, den die USA ihre Partner bewusst ablehnen lassen wollen: den regulierungsintensiven Ansatz der Europäischen Union. Das amerikanische Angebot ist ein Gesamtpaket – nehmt unsere überlegene Technologie an und damit auch unsere innovationsfreundliche, zurückhaltende Regulierungspolitik.
Das stellt globale Führungskräfte vor eine Reihe entscheidender Fragen: Was sind die tatsächlichen Anreize, ihre digitale Zukunft an amerikanische Technologie zu binden? Wiegen die Vorteile das Risiko einer derart tiefgreifenden Abhängigkeit auf? Oder ist die Entscheidung wirklich so eindeutig, wie Washington sie darstellt? Und vor allem: Angesichts der jüngsten Handelshaltung der USA nach dem Motto „Wir halten alle Karten in der Hand“ – kann Amerika überhaupt als verlässlicher technologischer Partner gelten?
Der amerikanische Vorteil: Die Macht des Stacks
Um es klar zu sagen: Die Attraktivität der amerikanischen KI ist enorm und unbestreitbar. Die USA beherbergen eine Innovationsmaschine ohne gleichen. Von der Grundlagenforschung an Stanford und dem MIT über die hyperskalierbare Cloud-Infrastruktur von Amazon, Google und Microsoft bis hin zu den bahnbrechenden Modellen von OpenAI und Anthropic, das amerikanische KI-Ökosystem ist seinen globalen Wettbewerbern um Jahre voraus.
Für Regierungen und Unternehmen, die eine wettbewerbsfähige digitale Wirtschaft aufbauen wollen, bietet der Zugang zu diesem Ökosystem klare Vorteile. Der amerikanische KI-Stack bietet unvergleichliche Leistung, eine riesige F&E-Gemeinschaft und nahtlose Integration, von der Chip-Ebene bis zur nutzungsorientierten Anwendung. Wer ihn übernimmt, erhält sofortigen Zugang zu den weltweit fortschrittlichsten Large Language Models, hochentwickelten Machine-Learning-Werkzeugen und der leistungsstärksten Recheninfrastruktur. Im Prinzip kann dies zu wirtschaftlicher Produktivität, wissenschaftlichem Fortschritt und kommerzieller Innovation führen. Das Versprechen ist eine Abkürzung in die Zukunft – und für viele wird dieses Angebot unwiderstehlich sein.
Das Risiko der Abhängigkeit: Das Gespenst vergangener Handelskriege
Die aggressive Handelspolitik der USA im Jahr 2025 warf jedoch einen langen und bedrohlichen Schatten auf diese technologische Öffnung. Verbündete, die die Auswirkungen von Zöllen und Drohungen zu spüren bekamen, hören nun ein beunruhigendes Echo in der KI-Exportstrategie. Wenn Washington bereit war, den Zugang zu seinem Verbrauchermarkt als Waffe einzusetzen, um einen Handelsstreit über Stahl zu gewinnen, was hindert dann eine zukünftige Regierung daran, den Zugang zu grundlegenden KI-Modellen als Waffe einzusetzen, um eine Angleichung der Aussenpolitik zu erzwingen?
Das Risiko ist nicht theoretischer Natur. Die Abhängigkeit vom amerikanischen KI-Stack bedeutet, dass das digitale Nervensystem der Wirtschaft eines Landes – sein Bankwesen, sein Gesundheitswesen, seine Infrastruktur und seine Verteidigung – in die Hände amerikanischer Unternehmen gelegt wird, die den amerikanischen Gesetzen und den Launen der amerikanischen Exekutive unterliegen.
Ein Knopfdruck in Washington könnte theoretisch den API-Zugang widerrufen, den Datenfluss einschränken oder Sanktionen verhängen, wodurch eine abhängige Nation digital lahmgelegt würde. Der Ausdruck „alle Trümpfe in der Hand halten“ suggeriert einen Partner, der Einfluss nicht als Instrument zum gegenseitigen Nutzen betrachtet, sondern als Waffe, um den Sieg zu sichern. Diese Geschichte der transaktionalen, nutzenorientierten Diplomatie untergräbt das Vertrauen. Und das ist die Basis der engen Partnerschaft, die es für KI-Integration braucht.
Der europäische dritte Weg und seine „Gefahren“
Deshalb hat der Ansatz der Europäischen Union zur KI-Regulierung, den die US-Strategie ausdrücklich zu kontern versucht, bei vielen Anklang gefunden. Der KI-Gesetzesentwurf der EU basiert auf einem Fundament von Grundrechten und einer risikobasierten Hierarchie. Er will KI-Anwendungen verbieten, die als „inakzeptables Risiko“ eingestuft werden, wie staatlich betriebene soziale Bewertungssysteme. Zudem legt er strenge Transparenz- und Compliance-Verpflichtungen für „Hochrisikosysteme“ fest, die etwa bei der Personalvermittlung, Kreditbewertung und Strafverfolgung eingesetzt werden.
Das amerikanische Argument gegen dieses Modell lautet, dass es eine Rezeptur für Stillstand sei. US-Regierungsstellen behaupten, die belastenden, einheitlichen EU-Vorschriften würden Innovationen ersticken, Start-ups unter Compliance-Kosten begraben und einen „Brüsseler Effekt“ erzeugen, der den technologischen Fortschritt weltweit verlangsamen würde. Sie argumentieren, dass dieser Ansatz präventive Risikominderung über erlaubnisfreie Innovation stellt und Europa letztlich zu einem technologischen Nachzügler macht, der für seine digitale Infrastruktur von anderen abhängig ist. Aus dieser Perspektive besteht das Risiko des EU-Ansatzes darin, dass er auf der Suche nach perfekter Sicherheit seine eigene Veralterung herbeiführt.
Entscheidungen, Entscheidungen: Ein Weg nach vorn
Die amerikanische KI-„Nimm-es-oder-lass-es“-Exportstrategie stellt ein tiefgreifendes Dilemma dar, doch sie ist nicht ohne Handlungsspielraum. Während die transpazifische Abhängigkeitsentscheidung zwischen den USA und China drastisch erscheinen mag, liegt die eigentliche strategische Herausforderung darin, wie Nationen die transatlantische Herausforderung meistern und ihre digitale Souveränität behaupten. Die Wahl besteht nicht einfach zwischen amerikanischer Innovation und europäischer Regulierung, noch geht es darum, die Bedingungen der USA passiv zu akzeptieren. Vielmehr geht es darum, aktiv eine Zukunft zu gestalten, die auf nationaler Kontrolle und kollektiver Stärke basiert.
Technisch gesehen kann ein souveräner Staat amerikanische KI-Modelle lizenzieren und rechtlich deren Einsatz innerhalb seiner Grenzen an eigene risikobasierte Vorschriften binden. Eine kanadische Bank könnte beispielsweise eine amerikanische KI für Kreditanträge nutzen und dennoch den kanadischen Gesetzen folgen, die von EU-Anforderungen an Transparenz und menschliche Aufsicht inspiriert sind. Es ist jedoch klar, dass die Strategie des Weissen Hauses über den reinen Technologietransfer hinausgeht; sie will auch ihre regulatorische Philosophie und nutzorientierte (transaktionale) Vorgehensweise vorantreiben. Länder, die auf EU-ähnlichen Regeln bestehen, könnten beim Zugang zu den neuesten Modell-Updates hintangestellt werden oder höhere Kosten tragen müssen – effektiv dafür bestraft werden, ein anderes Governance-Modell zu wählen.
Diese Reibungen unterstreichen die Notwendigkeit einer proaktiven und strategischen Antwort. Länder und Regionen müssen erkennen, dass der Weg zu wahrer digitaler Unabhängigkeit und gerechter globaler KI-Governance in zwei kritischen, miteinander verknüpften Strategien liegt:
1. Entwicklung eines unabhängigen KI-Technologie-Stacks:
Statt sich einer unvermeidlichen Abhängigkeit zu ergeben, sollten Länder und Regionen energisch in den Aufbau eigener umfassender KI-Ökosysteme investieren. Das bedeutet, Grundlagenforschung und Entwicklung zu priorisieren, eine qualifizierte heimische Arbeitskräfte-Basis zu fördern und lokale KI-Start-ups zu unterstützen. Auf entscheidende Weise umfasst dies auch den Aufbau einer inländischen Rechner-Infrastruktur, einschliesslich hyperskalierbarer Cloud-Kapazitäten und fortschrittlicher Halbleiterfertigung, um die Kontrolle über das physische und digitale Rückgrat ihrer KI-Zukunft sicherzustellen. Die Förderung der Open-Source-KI-Entwicklung und die Etablierung robuster Massnahmen zur Datensouveränität sind ebenfalls wichtige Schritte, um proprietäre Abhängigkeiten zu vermeiden und nationale oder regionale Kontrolle über kritische Informationen zu gewährleisten.
2. Bildung von Allianzen und strategischen Partnerschaften:
Kein einzelnes Land kann allein den enormen Einfluss der USA vollständig ausgleichen. Daher ist die Bildung starker Allianzen und strategischer Partnerschaften von grösster Bedeutung. Durch gemeinsames Handeln können Länder ihre Verhandlungsmacht erhöhen und Washingtons „Wir halten alle Karten in der Hand“-Strategie entgegentreten. Dies umfasst die Stärkung globaler Governance-Strukturen oder das Eintreten für universelle Standards wie KI-äquivalente “Nährwertkennzeichnungen“ zur Risikobewertung. Gemeint ist damit aber auch das Auftreten als geeinte Front, die glaubwürdige Zusicherungen von den USA verlangt, eine verlässliche Verwalterin und nicht eine Herrscherin der digitalen Zukunft der Welt zu werden. Solche Allianzen können einen dritten Weg etablieren, der gemeinsame Werte, gerechten Zugang und verantwortungsvolle Innovation fördert und verhindert, dass eine einzelne Macht die globale KI-Landschaft dominiert.
Handlungsaufruf
Die Zeit des passiven Akzeptierens ist vorbei. Führungspersönlichkeiten weltweit müssen über das blosse Anstehen für den Zugang zu leistungsstarken Algorithmen hinausgehen. Sie müssen glaubwürdige Zusicherungen einfordern, dass die heute alle Karten haltende Hand morgen nicht zur Faust wird. Die Zukunft der digitalen Souveränität, der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit und der ethischen KI-Entwicklung hängt an einer klaren, richtungsweisenden Neuausrichtung. Nationen müssen jetzt aktiv in ihre eigenen KI-Fähigkeiten investieren, unerschütterliche Allianzen schmieden und gemeinsam eine globale KI-Landschaft gestalten, die auf Vertrauen, Transparenz und gemeinsamem Wohlstand basiert – statt auf einseitigem Machtanspruch.
Simon J. Evenett ist Professor für Geopolitik und Strategie am IMD und ein führender Experte für Handel, Investitionen und globale Wirtschaftsdynamiken. Mit fast 30 Jahren Erfahrung berät er Führungskräfte und begleitet Studierende bei der Navigation bedeutender Veränderungen in der Weltwirtschaft. Im Jahr 2023 wurde er zum Co-Vorsitzenden des Global Future Council on Trade and Investment des Weltwirtschaftsforums ernannt. In der Vergangenheit hatte er akademische Positionen an der Universität St. Gallen, der Universität Oxford und der Johns Hopkins University inne.
Johannes Fritzist Senior Fellow für Technologiepolitik und Wirtschaft am IMD sowie CEO der St. Gallen Endowment, einer Schweizer Non-Profit-Organisation, die sich für internationale Offenheit, Zusammenarbeit und Austausch einsetzt. Er leitet die Transparenzinitiative Digital Policy Alert, die sich auf bedeutende digitale Handelsfragen wie Datenübertragungen und KI-Regulierung konzentriert. Zudem ist er Dozent für Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftstheorie an der Universität Fribourg.
Michael R Wadeist TONOMUS-Professor für Strategie und Digitales am IMD und Direktor des TONOMUS Global Center for Digital and AI Transformation. Er leitet eine Reihe von Programmen wie „Leading Digital and AI Transformation“ (Führung in der digitalen und KI-Transformation), „Digital Transformation for Boards“ (Digitale Transformation für Vorstände). Im Jahr 2021 wurde er in die Swiss Digital Shapers Hall of Fame aufgenommen.
Dieser Text ist zuerst über IMD-Kanäle erschienen.