Die Schweiz rückt an den Rand

01 Juni 2026 12:42

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Café Europe

Die Schweiz ist während Jahrzehnten eines der kleinen, aber feinen Zentren der Weltwirtschaft gewesen. Davon hat sie gut gelebt. Doch nun werden die wirtschaftlichen Erfolge der Schweiz während der Globalisierung abgewickelt, schreibt Steffen Klatt. Die Schweiz droht an den Rand gedrückt zu werden.

Die schlechten Nachrichten häufen sich. Hier nur einige der vergangenen Tage: Die Schweiz ist von Hongkong als das grösste Zentrum der grenzüberschreitenden Vermögensverwaltung überholt worden. Die Constructor Group, die einst in Schaffhausen eine private Universität einrichten wollte, hat ihren Sitz nach Singapur verlegt. Die Pharmaexporte in die USA sind im ersten Quartal um über 9 Prozent eingebrochen.

Jede einzelne schlechte Nachricht kann relativiert werden. Das Wachstum Hongkongs ist angesichts seiner Rolle als Finanzzentrum der grössten Volkswirtschaft der Welt erklärbar; es war nur eine Frage der Zeit, bis es die Schweiz überholt. Die Constructor Group hatte ihre Pläne für Schaffhausen bereits früher aufgegeben und stattdessen die Mehrheit an der privaten Jacobs University in Bremen – heute Constructor University – übernommen. Und die Pharmaexporte haben immer wieder geschwankt.

Aber jede Nachricht weist auf einen grösseren Umbruch hin. So wächst die Schweiz als Vermögensverwaltungszentrum auch deswegen langsamer, weil sie im Heimmarkt Europa stagniert; Hongkong dagegen wächst in seinem Heimmarkt China rasant, obwohl die Unterschiede zwischen der Sonderverwaltungszone und der Volksrepublik vermutlich grösser sind als die zwischen der Schweiz und der umliegenden EU. Die Constructor Group ist auch deswegen nach Bremen ausgewichen, weil hier der Zugang zu ausländischen Fachkräften sowie geeignete Gebäude gefehlt haben. Und die Pharmaexporte in die USA sinken, weil Roche und Novartis in Trumps Amerika investieren statt im Heimatstandort; daher müssen sie auch nicht mehr so viel dorthin exportieren.

Einige der grossen Trümpfe der Schweiz während den Jahrzehnten der Globalisierung sind erodiert. Der Finanzplatz Schweiz verliert seit den Nullerjahren an Gewicht in der Welt; das allzu lange Festhalten am Bankgeheimnis, gefolgt von seiner ungeschickten Abwicklung, hat zu beigetragen. Als Standort für Hauptsitze ist sie schon seit längerem wegen des zunehmenden Protektionismus in der Welt und der OECD-Mindestbesteuerung nicht mehr attraktiv ist. Und ja, die USA sind der wichtigste Pharmamarkt der Welt; Standorte wie Boston und San Diego sind in Forschung und Entwicklung mindestens ebenso stark wie Basel.

Viele Gründe für die Erosion der Schweizer Standortstärken liegen draussen in der Welt: der steigende Wohlstand Chinas, das zunehmende Gewicht Singapurs als Knotenpunkt eines aufsteigenden Asiens generell, die erratische Handelspolitik der USA unter Trump. Der Schwerpunkt der Weltwirtschaft liegt heute nicht mehr zwischen Amerika und Westeuropa wie zu Beginn der Globalisierung. Die Schweiz liegt am Rand in dieser neuen Welt.

Die Schweiz bringt eigentlich gute Karten in die Zeit nach der Globalisierung mit:  erstklassige Hochschulen, starke KMU, das internationale Genf, eine vielsprachige Gesellschaft. Aber gute Karten garantieren noch nicht den Gewinn des Spieles.

Die Hochschulen könnten zu Lieferanten von Weltklasse-Fachkräften für ausländische Konzerne hinabsinken; schon heute grasen alle grossen IT-Unternehmen der Welt in Zürich die Eidgenössische Technische Hochschule nach Absolvierenden ab, ein Blick in die Europaallee genügt.

Die KMU-Landschaft steht unter Druck, die Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahrzehnte war auf andere Themen ausgerichtet.

Das internationale Genf beherbergt vor allem Organisationen zu „weichen“ Themen wie Welthandel und Menschenrechte. Beide Themen sind derzeit nicht sehr angesagt. Genf ist zudem für diese Organisationen eigentlich zu teuer geworden. 

Und die vielsprachige Gesellschaft: Will die Schweiz sie überhaupt? Die Abstimmung vom 14. Juni wird einen Hinweis darauf geben.

Die Schweiz kann die grossen Trends der Welt kaum ändern und die Geographie überhaupt nicht. Aber sie kann diese Geographie nutzen, den Trends folgen und die eigenen guten Karten ausspielen. Wenn der Wettbewerb zwischen den Regionen der Welt wieder zunimmt, dann muss sie eben wettbewerbsfähig sein. Schon aus Eigennutz sollte sie darauf verzichten, Europa abzuschreiben – der alte Kontinent kann zwischen einem irrlichternden Amerika und einem stagnierenden Russland eigenen Weg finden. Die Schweiz könnte sogar das bessere Europa sein – wenn sie denn überhaupt Europa sein wollte. Oder sie rückt selbst in Europa an den Rand, dann aber aus eigener Wahl.

Ein Weiter so in der Wirtschafts-, Aussenwirtschafts- und Aussenpolitik ist in dieser Lage wohl kein Erfolgsrezept. Der bisherige Wohlstand der Schweiz ist keine Garantie für künftigen Wohlstand.

 

Steffen Klatt ist Gründer und Geschäftsführer der Nachrichtenagentur Café Europe in Winterthur, die auch die Nachrichtenplattform punkt4.info betreibt, sowie Autor mehrerer Bücher. Im Verlag Zytglogge in Basel ist im April 2026 das Buch „Warum die Schweiz so reich ist. Und warum nicht alle etwas davon haben“ erschienen. 

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