Eawag ersetzt Tierversuche durch Fischzellen

24. Juni 2021 13:45

Dübendorf/Wallisellen ZH - Die OECD hat ein Testverfahren zertifiziert, das Tierversuche durch beliebig reproduzierbare Fischzellen ersetzt. Damit kann der am Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs (Eawag) entwickelte Toxizitätstest etwa für die Zulassung von Chemikalien eingesetzt werden.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) hat einen von Eawag-Abteilungsleiterin Kristin Schirmer mit ihrem Team entwickelten Ökotoxizitätstest freigegeben. Er wurde jetzt als neueste Leitlinie der Umwelttoxikologie veröffentlicht. Ihre Methode ersetzt die herkömmlichen Tests an lebenden Fischen durch Fischzellen. Diese sind beliebig reproduzierbar. Damit ist die Wissenschaftlerin nach fast 30 Jahren Forschungsarbeit am Ziel: Ihr standardisiertes Verfahren kann laut einer Mitteilung der Eawag nun weltweit bei Zulassungsverfahren von Chemikalien und Produkten eingesetzt werden.

„Es besteht seitens der Industrie ein grosses Interesse an tierversuchsfreien Tests“, wird Schirmer darin zitiert. Denn die Ansprüche an die Umweltrisikobewertung würden zunehmend steigen. Gleichzeitig nehme auch die die Zahl neuer Chemikalien und Produkte, die getestet werden müssen, stetig zu.

Schon seit Mitte der 90er Jahre arbeitete Schirmer als Doktorandin an der kanadischen Universität von Waterloo mit exakt derselben Fischzelllinie aus den Kiemen von Regenbogenforellen, auf der die Methode heute noch beruht. Die Wahl fiel auf Kiemenzellen, weil sie „durch ihre grosse Oberfläche im Fisch als erstes mit einer Chemikalie in Kontakt kommen“, erklärt sie. „Indem wir also beobachten, wie die Kiemenzellen durch eine Chemikalie geschädigt werden, können wir vorhersagen, wie sich diese Chemikalie auf einen lebenden Fisch auswirken würde.“

Die eigentliche Startschuss für die Entwicklung des nun validierten Fischzelllinientests sei 2006 durch eine Förderung des Europäischen Rats der Chemischen Industrie erfolgt, so die Eawag. Schirmer setzte ihre Forschung zunächst als Abteilungsleiterin am Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung fort. 2008 wechselte sie in gleicher Position zur Eawag. Seit 2009 trieb Schirmer diese Forschungsarbeit zusammen mit Ingenieurin und Laborantin Melanie Fischer federführend voran.

In den Jahren 2013 und 2014 belegten mehrere Studien, dass ihr Verfahren den herkömmlichen Tests an lebenden Fischen ebenbürtig und überall wiederholbar ist. 2019 erlangte es die ISO-Zertifizierung. In Rekordzeit von nur zwei Jahren hat nun die OECD grünes Licht gegeben. „In der raschen Verabschiedung dieser ersten In-vitro-Methode für Ökotoxizitätstests spiegelt sich das Engagement der OECD-Länder für die Reduktion von Tierversuchen“, begründet Leon van der Wal von der OECD diese Schnelligkeit.

Wegen des wachsenden Interesses von Unternehmen, Kläranlagenbetreibern und Umweltämtern wurde 2017 in Wallisellen die Eawag-Ausgliederung aQuaTox-Solutions gegründet. Der Eawag zufolge dürfte das Interesse an diesem Testverfahren nach der Zertifizierung durch die OECD weiter steigen. mm

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