Regierungen stehen bei Corona unter Nachahmungsdruck

12. August 2020 14:47

Lugano - Obwohl die Pandemieverläufe in verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich waren, wurden mehr oder weniger zur gleichen Zeit dieselben restriktiven Massnahmen ergriffen. Eine internationale Studie unter Mitwirkung der USI geht von einem politischen Druck zur Nachahmung aus.

Führende Politiker eines Landes neigen umso mehr dazu, die Corona-Massnahmen anderer Länder zu übernehmen, je mehr benachbarte Staaten diese schon eingeführt haben. Eigene Variablen wie die Dynamik der Pandemie, der Zustand des Gesundheitssystems oder die demographische Struktur spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Zu dem Ergebnis, dass es so etwas wie einen Nachahmungsdruck gibt, kommt eine Studie von Prof. Stefan Johan Arora-Jonsson vom Institut für Marketing und Organisation (IMO) der Universität der italienischen Schweiz (USI). Er führte sie gemeinsam mit schwedischen Kollegen der Universitäten Linköping und Göteborg sowie des Stockholmer Ratio Instituts durch.

Tatsächlich, so heisst es in einer Medienmitteilung der USI, hätten gemäss Zahlen der Universität Oxford 80 Prozent der Länder, die der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) angehören, im März 2020 innerhalb von nur zwei Wochen vier der wichtigsten „sozialen Massnahmen“ ergriffen: Schliessung der Schulen, Lockdown wirtschaftlicher Aktivitäten, Verbot öffentlicher Veranstaltungen und interne Einschränkungen der Mobilität.

Ihre Studie legt dar, dass sich die Heterogenität dieser Länder bezüglich der Kapazitäten ihrer Gesundheitssysteme, der Demografie und der Ausbreitung des Virus nicht in der Homogenität des Zeitpunkts ihrer Reaktionen auf das Virus widerspiegelt. Stattdessen wurden Anti-Corona-Massnahmen umso schneller eingeführt, je mehr benachbarte Länder sich schon dazu entschlossen hatten.

Der Verweis auf das Beispiel anderer, wichtiger Länder könne nützlich sein, um mit Unsicherheit umzugehen oder die Akzeptanz eigener Massnahmen zu erhöhen. Regierende sähen sich mit dem Risiko konfrontiert, Fehler zu machen, der Nachlässigkeit bezichtigt zu werden und „als letzter Depp angesehen zu werden“. Die Studie fand auch Belege dafür, dass Länder mit einer konsolidierten Demokratie und partizipativen Entscheidungsprozessen weniger leicht restriktive Massnahmen anordnen.

Aus den Studienergebnissen folgt nach Ansicht der Autoren, dass einige Ländern den Lockdown zu früh oder zu spät ausgelöst haben könnten. mm

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