Nachhaltigkeit heisst Entwurf, nicht Gestalt

24. November 2020 12:31

Der Begriff Nachhaltigkeit hat auch das Industriedesign erreicht. Doch der Markt setzt falsche Anreize, schreibt Moritz Gysi. Tiefstpreise und Werbung verlocken zu Verschwendung. Gegenstände sollten so gestaltet werden, dass vielfältig gebraucht werden können.

von Moritz Gysi

Im Zeichen des Klimawandels kommen wir angehenden Industriedesigner:innen in unserer Ausbildung um einen Begriff nicht herum: Nachhaltigkeit. So kann man auf der Website der Vertiefung Industrial Design an der Zürcher Hochschule der Künste folgendes entnehmen: „Mit dem steigenden Konsum, der weltweit erhöhten Herstellung und Vermarktung von Gütern haben der Rohstoff- und Energieverbrauch, die Müllproduktion und die damit einhergehende Natur- und Umweltzerstörung exponentiell zugenommen. Diese Umstände fordern die Industriedesigner heraus, dass sie ein besonderes Gestaltungswissen aufbauen, um dazu beizutragen zu können, allgemein eingeforderte Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.“

Daraus wird klar: Unsere Disziplin stellt sich den Anspruch, nachhaltig zu handeln. Das verwundert nicht, denn kaum jemand würde heutzutage noch öffentlich bezweifeln, dass eine nachhaltige Lebensweise existenziell für die Entwicklung unserer Gesellschaft ist. Doch das Thema ist so komplex, dass es den Rahmen unseres ohnehin schon dicht bepackten Stundenplanes nicht selten sprengt. Auch scheint Nachhaltigkeit nach den 70er-Jahren im Designdiskurs ziemlich an Relevanz eingebüsst zu haben, bis der Begriff nun wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gelangt ist. Vieles scheint man daher wieder neu erlernen zu müssen, eine etablierte nachhaltige Designpraxis gibt es nicht. 

So kann die Forderung nach Nachhaltigkeit während dem Studium zur echten Zerreissprobe werden und wir Industriedesign-Studierenden haben nicht selten das Gefühl eine eierlegende Wollmilchsau entwerfen zu müssen. Nimmt man den oben zitierten Text ernst, wird man kaum noch bestreiten können, dass unsere derzeitige Lebensweise einer nachhaltigen Entwicklung fundamental widerspricht. Da wundert es nicht, dass wir immer wieder an den Punkt kommen, wo wir die Wirksamkeit unserer Anstrengungen bezweifeln und deren Sinnhaftigkeit infrage stellen.

Das hat seine Berechtigung, denn es gibt eine Vielzahl von Abhängigkeiten, die beeinflussen, ob und inwiefern ein Produkt nachhaltig ist. Nur wenige davon können Designer:innen aber direkt beeinflussen. Zuletzt die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, vor welchen Designer:innen wirken. Und diese sind leider immer noch nicht auf Nachhaltigkeit ausgelegt.

Im Gegenteil, der Markt setzt fundamental falsche Anreize, wenn wir eine zukunftstaugliche Wirtschaft anstreben. Da viele unserer Konsumgüter in Billiglohnländern produziert werden, entsteht eine Preisverzerrung, die uns einen verschwenderischen bis dekadenten Umgang mit ebendiesen ermöglicht. Weil sich Reparaturen in Hochlohn-Ländern in den seltensten Fällen rechnen, nimmt die Nutzungsdauer von beispielsweise elektrischen Haushaltsgeräten in ganz Europa stetig ab. So meint Balz Krügel, der in Zürich eine Reparaturwerkstatt betreibt, in einem Interview mit der „WOZ“: „Wenn die Leute, die Elektrogeräte zusammenbauen, pro Tag 5 US-Dollar verdienen, ist es logisch, dass ich nicht vom Reparieren dieser Geräte leben kann.“ Er betreibt seine Werkstatt aus ideellen Gründen, nicht aus wirtschaftlichen. 2019 verdiente er insgesamt 9000 Schweizer Franken. Wenn er seinen tatsächlichen Aufwand verrechnen würde, muss er damit rechnen, dass seine Kundschaft abspringt, da ein Neukauf oft ökonomischer ist als eine Reparatur. Leisten kann er sich das nur, weil seine Frau mehr einnimmt und sie keine Kinder haben.

Doch nicht nur defekte Geräte landen verfrüht im Mülleimer. Tiefstpreise und eine gut geölte Werbeindustrie treiben das Bedürfnis nach immer neueren und besseren Produkten auf die Spitze, was dazu führt, dass zunehmend auch noch funktionstüchtige Geräte weggeworfen werden. Laut der „NZZ am Sonntag“ zeigen Untersuchungen, dass der Anteil an Kleingeräten im Haushalt, die in intaktem Zustand entsorgt werden, mittlerweile 50 Prozent beträgt. 

Das zerstörerische Potential einer solchen Konsumkultur zeigt sich an einem der wohl bedeutendsten Konsumgüter unserer Zeit: dem Smartphone. Trotz einer technischen Lebensdauer von etwa zehn Jahren werden diese nach durchschnittlich zwei bis drei Jahren ersetzt. Das ist problematisch, weil im Lebenszyklus eines Smartphones 90 Prozent der verursachten Treibhausgas-Emissionen auf die Herstellung entfallen. So gehört das Smartphone zu den klimaschädlichsten Elektrogeräten überhaupt.

Der Ersatz von intakten Geräten ist ökologisch gesehen fast immer von Nachteil. Dieser lohnt sich erst, wenn der energieeffiziente Betrieb des Neugerätes den ökologischen Fussabdruck von Herstellung und Entsorgung des Altgerätes kompensiert. Das ist aber in den allerwenigsten Fällen gegeben. „Der Austausch von älteren Geräten lohnt sich zumeist nur dann, wenn ein fundamentaler Technikwandel stattgefunden hat, wie etwa beim Wechsel von Röhrenfernseher auf LCD-Bildschirm oder von der Glühbirne zur LED-Lampe“, sagt Mirko Meboldt, Professor für Produktentwicklung und Konstruktion an der ETH Zürich, in der „NZZ am Sonntag“. In dieser Hinsicht lautet das Gebot der Stunde also Suffizienz und nicht Effizienz.

Die momentan vorherrschende Wirtschaftsweise erschwert uns also die Arbeit, wenn wir es ernst meinen mit der Nachhaltigkeit. Um diesem Anspruch gerecht werden zu können, sind wir auf eine progressive Politik angewiesen, welche solchen Fehlentwicklungen ein Korrektiv entgegensetzt und die Grundlagen für eine ökologische Wirtschaft in die Bahn leitet. Glücklicherweise zeigen sich auch erste Tendenzen in diese Richtung: Ab März 2021 sollen die neuen EU-Ökodesignrichtlinien in Kraft treten. Die Richtlinien, welche bis anhin nur auf den Energieverbrauch bei der Nutzung abzielten, richten den Fokus nun auf den gesamten Lebenszyklus eines Produktes. Das hat unter anderem zur Folge, dass Hersteller in die Pflicht genommen werden, Ersatzteile bis zu zehn Jahre nachliefern zu können, dass Reparaturen mit allgemein erhältlichem Werkzeug vollziehbar sein und die dazugehörigen Handbücher frei zugänglich gemacht werden müssen. Wenn es soweit kommt, könnte sich Balz Krügel vermutlich bald auf bessere Zeiten freuen.

Auch wenn diese Massnahmen mit Sicherheit nicht eine ultimative Antwort auf die Probleme unserer Zeit bieten, sind sie zweifelsohne ein Schritt in die richtige Richtung. Wir angehenden Industriedesigner:innen werden damit die Chance haben, innerhalb eines Rahmens zu wirken, welcher unsere Bestrebungen unterstützt und nicht unterläuft. Der Ball wird bei uns liegen und wir werden uns überlegen müssen, was diese Anforderungen für unsere Disziplin bedeuten könnten.

Vielleicht wird es helfen, sich dann auf Altbekanntes zu besinnen. Der Soziologe Lucius Burkhardt schreibt im Jahr1970: „Der Glaube, dass durch Gestaltung eine humane Umwelt hergestellt werden könne, ist einer der fundamentalen Irrtümer der Pioniere der modernen Bewegung. Die Umwelten der Menschen sind nur zu einem geringen Teil sichtbar und Gegenstand formaler Gestaltung; zu weit grösserem Teil bestehen sie aus organisatorischen und institutionellen Faktoren. Diese zu verändern ist eine politische Aufgabe. [...] Unter diesen Umständen kommt dem Design nur insoweit eine Funktion für die Verbesserung unserer Umwelt zu, als es sich auf die eigentliche Bedeutung des Wortes zurückbesinnt: Design = Entwurf, nicht Gestalt. Entworfen werden soll in erster Linie nicht das Gerät in seiner Gestalt, sondern seine mögliche Verwendung, seine Einsatzfähigkeit, seine möglichst vielfache Brauchbarkeit, seine Nicht-Verwendbarkeit für Schikane und Rückschritt.“

 

Moritz Gysi studiert Industriedesign an der Zürcher Hochschule der Künste. Er ist Mitherausgeber des Index, eines Newsletterprojekts. Index bietet eine Plattform für angehende Designerinnen und Designer, die sich vertiefter mit Kernthemen aus den verschiedenen Designdisziplinen auseinandersetzen und diese Arbeiten schriftlich teilen möchten. 

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